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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/thq.2020.4.327–345
Michael Schüßler
2020, 1968, 1841
Tübinger Praktische Theologie im Zeichen epochaler Umbrüche
Die von Wilfried Eisele im Editorial zu Heft 1 im Jubiläumsjahrgang 2020 vorgeschlagene Konzeption, „hilfreiche Schneisen durch das Dickicht der Forschung (zu) schlagen“1, nehme ich zum Anlass für eine kleine Zwischenbilanz nach fünf Jahren an der Fakultät: Worin bestehen die hier verorteten und mit Tübingen vernetzen Praktiken von Praktischer Theologie als akademischem Diskurs?2 Mit zwei ‚archäologischen‘ Zeitschnitten in die Tübinger Fachgeschichte wird anschließend gefragt, ob und inwiefernsich aus den Epochendifferenzen „neuere Entwicklungen der Theologie“ abzeichnen.

1. 2020: Kurzberichte aus dem Flow praktisch-theologischer Forschungen


„Die Theorie darf nicht schlüssiger auftreten als die Gesellschaft, der sie gilt“3, schreibt Dirk Baecker. Die Theologie darf nicht schlüssiger auftreten als die uneindeutigen und konfliktreichen Praktiken des Alltags, der Gerechtigkeits- und Gottsuche, denen diese gilt. Es folgt deshalb weder ein geschlossenes Gesamtkonzept der Pastoraltheologie, noch die elegante Konzentration auf eine Spezialfrage, sondern ein Netz thematischer Kurzberichte aus dem Flow dessen, was am und um den Fachbereich herum gedacht, geforscht und geschrieben wird.4

Digitale Transformationen

Digitale Technologien verändern Kultur und Gesellschaft so umwälzend „wie zuvor nur die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks“5. Jede dieser epochalen Medienrevolutionen hat die Gesellschaft mit neuen Möglichkeiten heillos überfordert, zugleich aber auch kulturelle und soziale Innovationen ausgelöst – die großen Fragen von Religion und Theologie zentral inbegriffen. Digitalität bedeutet für Theologie und Kirche deshalb mehr als den Web-Aufritt optimieren oder einen Twitter-Account bespielen, um Katechismus-Content zu performen. Es gibt nicht einfach ein paar neue Wege – die ganze Landschaft verändert sich. Erstens sind web-fähige Computertechnologien selbstverständlicher Teil fast aller Lebensvollzüge geworden. Da ergibt es keinen Sinn mehr, das „Digitale“ vom „Analogen“ zu trennen. Zweitens wird damit fast alles in der Welt zu abstrakten Daten, die statistisch vergleichbar sind: unser Blutdruck, der Einkauf im Supermarkt oder die Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs. Weil so viele Daten anfallen, braucht es Programme (Algorithmen), die „Big Data“ auswerten und in dem ganzen Durcheinander Sinn erzeugen: Ohne Suchmaschinen wären die Einzelnen in der Datenfülle verloren. Algorithmen und dem Lernen von Maschinen kommt damit eine große Verantwortung zu.6 Drittens erleben wir durch Social Media gerade einen digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit. 7 Das ehemals passive Publikum kann mit einem Klick zum Akteur und Sender werden. Die Chance liegt in breiter Beteiligung, die Gefahr in polarisierender Debattenkultur und den Echokammern der Selbstbestätigung. Ein Effekt trifft jedenfalls unmittelbar auch die Kirche: Die Autorität traditioneller Institutionen schwindet, da sich jede und jeder im Netz ein eigenes Bild machen und mit vielen anderen austauschen kann – auch in Fragen des Glaubens.

Theologische Kriteriologie ist damit neu herausgefordert. „Technik ist weder gut noch böse; noch ist sie neutral“8, meint der Technikhistoriker Melvin Kranzberg. Sie verändert aber die Entdeckungsbedingungen des Glaubens. Das anthropologisch gewendete christliche Denken verteidigt bisher die Zentralität des Menschen: gegen technologische Entfremdung, gegen informationstechnologische Entmündigung und gegen biotechnische Entstellung. Nicht nur in Praktischer Theologie entstehen aber Zweifel, ob das ausreichen wird. Um eine humane Gesellschaft zu bewahren, wird man paradoxerweise nicht mehr allein vom Menschen ausgehen können, sondern von den Relationen etwa zu Antarktis, Amazon und Apokalypse.9 Christliche Glaubenstradition könnte hier einen spezifischen Realismus einbringen, dass nämlich Technik tatsächlich Teil der Schöpfung ist (also nicht grundsätzlich inhuman entfremdend: Gott ist in allen Dingen), dass Menschen sich aber auch mit Technologie nicht selbst erlösen können (nichts in der Welt ist Gott, auch keine KI). Praktische Theologie versucht in all dem nah an empirischen Erfahrungsbereichen zu bleiben.10

Anmerkungen

1 | Wilfried Eisele, Editorial, in: ThQ 200 (2020), 1–2.
2 | Akademisch-theologisches Arbeiten ist eine kollaborative Tätigkeit, die ohne fachliche, interreligiöse und interdisziplinäre Vernetzung nicht zu denken ist. Die eigenen Texte, auch dieser hier, sind eher Knoten in einem Geflecht aus Gesprächen, Lektüren, kreativen Kontroversen, Komplizenschaften und einer Art kollektiv gerichteter Neugier. Wesentliches verdankt sich der Zusammenarbeit mit Theresa Schweighofer während ihrer Tübinger Zeit. Die kritischen Anmerkungen von Theresa Mayer und Sebastian Pittl haben das Manskript vor einigen Schwächen bewahrt.
3 | Dirk Baecker, 4.0 oder die Lücke, die der Rechner lässt (Merve 459), Berlin 2018, 12.
4 | Für wissenschaftstheoretische Diskussionen und Bezugstheorien im Hintergrund muss ich an dieser Stelle auf andere Publikationsorte verweisen. Vgl. dazu Michael Schüßler, Hybride Komplizenschaften entlang robuster Existenzfragen. Wissenschaftstheoretische Bestandsaufnahmen (katholischer) Praktischer Theologie, in: B. Schröder/T. Schlag (Hg.), Praktische Theologie und Religionspädagogik. Systemtische, empirische und thematische Verhältnisbestimmungen (VWGTh 60), Leipzig 2020, 433–455. Zum grundsätzlichen Überblick über den Stand des Faches vgl. ZPTh 35/2 (2015): Wissenschaftstheorie, sowie SaThZ 20/1 (2016): Zur Zukunft der Pastoraltheologie.
5 | Dirk Baecker, Studien zur nächsten Gesellschaft (Suhrkamp Taschenbücher Wissenschaft 1856), Frankfurt a. M. 2007, 7.
6 | Deshalb ist es ein Problem, dass hier zu oft wirtschaftliche Interessen oder die Kontrolle autoritärer Staaten dominant sind. Die Kirchen sollten sich für Menschenrechte, offene Software und gerechte Netzstrukturen einsetzen.
7 | Vgl. etwa Jonatan Burger/Hannah Ringel, Ein Strukturwandel zur digitalen Öffentlichkeit?, in: ZPTh 39/1 (2019), 131– 136, sowie Bernhard Pörksen, Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung, München 2018.
8 | Melvin Kranzberg, Technology and History: ‘Kranzberg’s Laws’, in: Technology and Culture 27 (1986), 544–560, DOI: 10.2307/3105385 (abgerufen am 04.11.2020).
9 | Vgl. dazu Christian Bauer/Daniel Bogner/Michael Schüßler (Hg.), Gott, Gaia und eine neue Gesellschaft. Theologie anders denken mit Latour, Bielefeld 2021
10 | Das internationale, ökumenische Netzwerk „Churches Online in Times of Corona (CONTOC)“ untersucht derzeit, wie digitale Kommunikation in Corona-Zeiten kirchliches Handeln verändert hat; vgl. <https://www.contoc.org/de/contoc> (abgerufen am 04.11.2020). [...]


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