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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/thq.2021.1.6–19
Joachim J. Krause
Im Licht des Spatial Turn
Theologische Geographien der Hebräischen Bibel
1. Land als Thema der Hebräischen Bibel und der Spatial Turn

Land – oder konkreter: das Land, das Jhwh seinem Volk Israel verheißt – ist zweifellos ein Kardinalthema der Hebräischen Bibel. Das gilt nicht allein, aber es gilt in besonderer Weise für den Pentateuch und die Vorderen Propheten, die gerne als „Geschichtsbücher“ bezeichneten Kanonteile. Der Eindruck, dass sie sich – im wörtlichen Sinne – um das Thema des Landes drehen, verdankt sich der kompositionellen Gestaltung des vorliegenden Zusammenhangs. Er lässt sich durchweg als eine Erzählung lesen, von Gen 1 bis 2 Kön 25. Die Komposition (Zusammenstellung) der älteren Überlieferungen und Teilkompositionen ist, gerade an den Nahtstellen der heutigen Bücher, augenscheinlich darauf angelegt, dass der Leser nicht den Faden verliert; Zeit, Raum und handlungstragende Personen der Erzählung werden bruch- und lückenlos entwickelt. Das gilt auch und gerade dort, wo nichterzählende Materialien (Gesetzessammlungen, Psalmen u. a. m.) Verwendung gefunden haben, insofern die fraglichen Überlieferungen konsequent narrativ eingebunden werden (z. B. das deuteronomische Gesetz als Abschiedsrede des Mose). Wenn man den Zusammenhang nun aber so, nämlich als eine große Erzählung liest, so dreht sich diese um ein großes Thema, das gleichsam von beiden Seiten beleuchtet wird: wie Israel zu seinem Land gekommen ist und es hernach wieder verloren hat. Manfred Weippert hat diesen Handlungsbogen einprägsam als doppelte Ätiologie von Landbesitz und Landverlust bezeichnet.

In dieser Erzählung kommt die besondere Beziehung Israels zu seinem Land, die die nachfolgende Rezeptions- und Religionsgeschichte wesentlich bestimmt (und damit letztlich auch zu dem vorliegenden Themenheft geführt) hat, eindringlich zur Anschauung. Hier wird die Welt als Ganze gedeutet und Israel darin verortet; wobei sogleich zu betonen ist: Es handelt sich um eine komplexe Erzählung, Weltsichten im Plural kommen in ihr zum Ausdruck. Die Welt zu deuten und sich selbst darin zu verorten, wenn darin die raison d’être der um das Thema Land kreisenden Großerzählung liegen sollte, so gewinnt auch das (mir vom Herausgeber gestellte) Thema des vorliegenden Beitrags Kontur: „Theologische Geographien“. Bei allen berechtigten Rückfragen, die die Formulierung aufwerfen mag, macht sie doch entschieden darauf aufmerksam: Wo es in der Hebräischen Bibel um das Thema Land geht, sollte sich nicht allein die historische Geographie berufen fühlen. Vielmehr bedarf das Thema auch und gerade der literarisch-konzeptionellen oder eben theologischen Bearbeitung.

Ein solcher Zugang zum Thema Land fügt sich ein in den Spatial Turn, also die entschiedene Hinwendung zur Kategorie Raum, die Kultur- und Sozialwissenschaften seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts vollzogen haben; bzw. er kann sich hier einfügen und von entsprechenden Ansätzen produktiv anregen lassen. Ausgehend von der grundlegenden Einsicht in die soziale Konstruktion und Konstruiertheit von Raum, fassen Spatial Studies in ihrer jeweiligen disziplinären Situiertheit unterschiedliche Aspekte in den Blick: rechtliche, politische, ökonomische, ökologische u. a. m. Eine dieser Fragen, die sich in besonderer Weise auf die Größe Land bezieht, ist die nach Grenzbeschreibungen und -konzeptionen. Diesen Zugang wählt Nili Wazana in ihrer Studie zum „verheißenen Land“ in der Hebräischen Bibel: „The idea of the Promised Land is not an abstract or random notion – a mere ‚heavenly place‘ or ‚matter of the heart.‘ […] As such, it involves spatial definitions that delineate its boundaries. The idea of the Promised Land thus cannot be understood without examining its dimensions, and this is a task that calls for a profound grasp of the descriptions of its borders.“

Konsequent interdisziplinär angelegt, führt Wazanas Buch (hebr. Original 2007; engl. Übersetzung 2013) hilfreiche Konzepte und Distinktionen aus den Spatial Studies in die biblisch-exegetische Diskussion ein, die in der deutschsprachigen Forschung bislang aber noch kaum rezipiert worden sind. Die grundsätzlichen Fragen, die sie verfolgt, lauten: Was verstand man in der Welt, in der die biblischen Überlieferung entstanden sind, überhaupt unter einer Grenze? Wie wurde Gebiet abgegrenzt und markiert, wie entsprechende Definitionen literarisch zur Darstellung gebracht? Welche geprägten literarischen Muster konnten dabei verwendet werden und – vor allem – wie sind die daraus resultierenden literarischen Darstellungen angemessen (d. h. ihrem Eigensinn entsprechend) zu verstehen? Für die einschlägigen Befunde in der Hebräischen Bibel ergibt sich daraus eine Doppelfrage: nicht nur „What are the borders of the Promised Land […]?“, sondern auch „What drives and characterizes the description of them?“. Ausgehend von der Prämisse, literarische Kompositionen mit je eigener „ideologischer“ Agenda zu untersuchen, geht es Wazana in erster Linie darum: die Weltsichten zu rekonstruieren, die in den diversen Beschreibungen des verheißenen Landes, auch den nüchtern geographisch daherkommenden, zum Ausdruck gebracht wurden.

Exegetisch-disziplinäre Grenzen überschreitet Wazana dabei in zwei Richtungen, einerseits eben durch die reflektierte Verwendung („informed use“) von Kategorien, die vorrangig in sozialwissenschaftlichen Disziplinen wie v. a. der Politikwissenschaft und politischen Geographie entwickelt worden sind, andererseits – und hier wird deutlich, dass der Spatial Turn dieser Untersuchung gerade nicht in eine anachronistische bzw. ahistorische Analyse mündet – durch die komparative Perspektive. Anhand einer breiten Auswahl anschaulich präsentierter Textbeispiele werden Konzeptionen und literarische Muster zur Beschreibung von Grenzen in der Welt des alten Orients insgesamt rekonstruiert, um die biblischen Belege in diesem Horizont vergleichend einordnen zu können.

Wenn als Ergebnis der Untersuchung konstatiert werden kann, die Hebräische Bibel bezeuge mehrere unterschiedliche Vorstellungen des verheißenen Landes, so liegt die Neuerung weniger in dieser Einsicht selbst, umso mehr dafür in der Profilierung der jeweiligen Raumkonzepte – oder Weltsichten. [...]


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