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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/thq.2015.2.119-134
Klaus Wengst
Recht und Gerechtigkeit – Gericht und Erbarmen
Beobachtungen im Matthäusevangelium
Zusammenfassung
Im Matthäusevangelium ist das Recht ein wichtiger Begriff. Es konkretisiert sich in der Tora, die Jesus als unbedingt gültig herausstellt. Meist übersehen ist, dass er in diesem Evangelium neben der Geltung der schriftlichen auch die der mündlichen Tora betont und sich daher am halachischen Diskurs beteiligt. Wie in der biblisch-jüdischen Tradition hat das Recht seine Norm in der Gerechtigkeit und weist so über sich hinaus. Als Ziel der Johannes dem Täufer und Jeus gemeinsamen grundlegenden Verkündigung (3,2; 4,17) erscheint, „Gerechtigkeit in ihrer Gänze aufzurichten“. Gerechtigkeit als Signatur des Himmelreichs ist mehr, als durch das Recht realisiert werden kann. Sie bedarf der Barmherzigkeit und, wo das Recht nicht funktioniert, der Inszenierung absurden Theaters. Sowohl im Blick auf nicht funktionierendes Recht als auch im Blick auf den nicht-justiziablen Bereich spielt die Rede vom Gericht Gottes eine wichtige Rolle, wobei Recht und Erbarmen spannungsvoll zusammenstehen.

Abstract
Law is an important concept in the Gospel of Matthew. It is concretized in the Torah which Jesus emphasizes as being unconditionally valid. One usually overlooks that Jesus also stresses the validity of the oral Torah in this Gospel, in addition to the validity of the written Torah, and thus participates in the halakhic discourse. As in the biblical- Jewish tradition, law has justice as its standard and thus points beyond itself. „To establish justice in its entirety” appears as a goal of the proclamation which is common to and fundamental for John the Baptist and Jesus (Mt 3:2; 4:17). Justice as a mark of the kingdom of heaven is more than what can be realized through law. It requires mercy and, where the law is not functioning, the staging of a theater of the absurd. Talk about the judgment of God plays an important role in view of non-functioning law as well as in view of the non-justiciable area, and law and mercy stand side by side here in a tension-filled relationship.

Schlüsselwörter – Keywords
Recht, Gerechtigkeit, Gericht, Matthäus, Tora
law, justice, judgment, Matthew, Torah


1. „... bis dass er das Recht siegreich aufsprießen lässt“ (Mt 12,20) Die Hochschätzung des Rechts im Matthäusevangelium

Dass für den Evangelisten Matthäus das Recht ein wichtiger Begriff ist, zeigt sich an einer bezeichnenden Veränderung, die er im längsten Zitat aus seiner jüdischen Bibel anbringt. In 12,18–21 zitiert er Jes 42,1–4 weitgehend nach dem hebräischen Text. Dort wird in Gottesrede über eine von Gott beauftragte Gestalt gesprochen, die ihm dient, sein „Knecht“. Matthäus erkennt im Wirken Jesu ausgeführt, was dort gesagt ist. Im Jesajatext stehen zwei parallele Aussagen: „Zu Verlässlichkeit lässt er Recht aufsprießen“ und „bis dass er auf der Erde Recht setzt“. Matthäus verbindet sie in eigener Formulierung zu einer einzigen Aussage: „bis dass er das Recht siegreich aufsprießen lässt“. Das wäre also das erstrebte Ziel, dass überall das Recht gilt und man sich darauf verlassen kann, dass es befolgt und vollzogen wird. Die hohe Bedeutung des Rechts für Matthäus zeigt sich weiter, wenn er an anderer Stelle seines Evangeliums drei Dinge aufzählt, die er als „das Gewichtigere in der Tora“ bezeichnet: „das Recht und das Erbarmen und die Verlässlichkeit“ (23,23). Das stimmt auffällig überein mit den „drei Dingen“, auf denen nach Rabban Schimon ben Gamliel „die Welt steht“: „auf dem Recht und auf der Verlässlichkeit und auf dem Frieden“ (mAv 1,18). Statt von „drei Dingen“ ist an anderen Stellen von „drei Füßen“ die Rede. Was auf drei Füßen steht, wackelt nicht, sondern hat festen Stand. Es wird also angeführt, was der Welt als menschlicher Gesellschaft ganz elementar Stand gibt. Es wird genannt, was gegeben sein muss, damit die Welt nicht aus den Fugen gerät, sondern Bestand hat.

Zwei der jeweils drei genannten Dinge stimmen überein: Recht und Verlässlichkeit. Zwischen den nicht wörtlich übereinstimmenden – Erbarmen und Frieden – gibt es sachliche Bezüge. An erster Stelle steht sowohl bei Matthäus als auch bei Rabban Schimon ben Gamliel das Recht. Die Welt, die menschliche Gesellschaft, steht in erster Linie auf dem Recht, hat darin ihren Bestand. Das bei Matthäus hier gebrauchte griechische Wort krisij entspricht dem hebräischen Wort דין. Es geht um für alle verbindliche Rechtsnormen, gegebene und bekannte Rechtssätze als Grundlage eines funktionierenden Rechtswesens, um Gleichheit vor dem Gesetz, um unabhängige Richter, die sich nicht bestechen lassen und kein Ansehen der Person kennen. So dürfen nach einem Midrasch Verwandte weder Zeugen noch Richter sein. Daran anschließend wird fortgefahren: „Spotte nicht über das Recht! Denn es ist einer von den drei Füßen der Welt. […] Bedenke: Wenn du das Recht beugst, erschütterst du die Welt.“ Nach der Fortsetzung wird durch Beugung des Rechts auch der Thron Gottes unterminiert (DevR 5,1; Wilna 109c–d). [...]


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