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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/thq.2023.2.188–212
Frank Sobiech
Joseph Ratzinger (1927–2022) in Tübingen
Eine Lebenspassage zwischen Universitätsreform und Studentenrevolte
Zusammenfassung
Der Beitrag bietet einen Überblick über Joseph Ratzingers Zeit als Tübinger Dogmatikprofessor (1966–1969) an der Katholisch-theologischen Fakultät der Eberhard-Karls- Universität Tübingen, die in die Zeit der Studentenunruhen und der Tübinger Studienreform der späten 1960er-Jahre fiel und mit seinem Wechsel an die Universität Regensburg 1969 endete. Ratzingers Handeln als Professor und Dekan seiner Fakultät, anhand von Amtsschriftgut und Oral History nachgezeichnet, fügt sich in das Bild einer durch tiefe Verwerfungen geprägten Zeit.

Abstract
The contribution gives an overview of Joseph Ratzinger’s time as a Tübingen professor of dogmatic theology (1966–1969) at the Faculty of Catholic Theology of the Eberhard Karls University Tübingen, which coincided with the student unrest and the Tübingen study reform of the late 1960s and ended with Ratzinger’s move to the University of Regensburg in 1969. Ratzinger’s actions as a professor and dean of his faculty, traced on the basis of official records and oral history, fit into the picture of a time marked by deep upheavals.

Schlüsselwörter/Keywords

Joseph Ratzinger; Hans Küng; Hubertus Halbfas; Herbert Haag; Katholisch-theologische Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen; Tübinger Studienreform (1967); 1968er Studentenunruhen
Joseph Ratzinger; Hans Küng; Hubertus Halbfas; Herbert Haag; Faculty of Catholic Theology of the Eberhard Karls University Tübingen; Tübingen academic reform (1967); student unrest of the late 1960s


Die Tübinger Jahre (1966–1969) des am 31. Dezember 2022 im Monastero Mater Ecclesiae (Vatikanstadt) verstorbenen Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. (1927–2022) gehören zu den meistdiskutierten Jahren seiner Biografie und waren erstmals durch den Verfasser 2022 einer quellenbasierten Darstellung zugeführt worden.1 Eine Geschichte der konfessionellen theologischen Fakultäten der Eberhard-Karls-Universität Tübingen in der Bundesrepublik Deutschland bis zur Vereinigung mit der DDR (1949–1990) ist ein Desiderat.2 Exemplarisch soll hier anhand der Person Joseph Ratzingers mit Hilfe von Amtsschriftgut und Oral History ein erster Einblick in die Tübinger hochschulpolitische Entwicklung der späten 1960er-Jahre und ihre Spiegelung im Leben der Katholisch-theologischen Fakultät geboten werden.

1. Joseph Ratzingers Berufung an die Universität Tübingen

Bereits Anfang 1959 war Joseph Ratzinger, Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Freising, gefragt worden, ob er den Lehrstuhl für Fundamentaltheologie der Katholisch-theologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen übernehmen wolle, was er jedoch ablehnte. Im Sommersemester 1960 trat Hans Küng (1928–2021), bislang Assistent an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, diesen Lehrstuhl an.3 Gerhard A. Rummel (*1944), welcher 1967 sein Diplom in Katholischer Theologie ablegte, erinnert sich, wie sich etwa 1963/64 Küng, seit 1963 Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie und Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung, nach der Vorlesung äußerte, er wolle den Konzilstheologen Ratzinger, seit 1963 Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in Münster, nach Tübingen holen.4 Dies führte am 8. Juli 1964 zu dessen Tübinger Gastvortrag „Transsubstantiation: Die Lehre von der Wesensverwandlung und der Sinn der Eucharistie“; der Hörsaal 9 der Neuen Aula war „dicht gefüllt“.5 Zur Wiederbesetzung des Lehrstuhls für Dogmatik wurde in der Fakultätssitzung vom 2. November 1965 beschlossen, Ratzingers Lebenslauf und Schriftenverzeichnis einzuholen. Am 16. November 1965 wurde Ratzingers Name auf Antrag von Dekan Küng, der sich zuvor telefonisch bei Ratzinger abgesichert hatte, einstimmig auf die Liste gesetzt, wobei Küngs Zweitantrag, dies unico loco zu tun, eine Gegenstimme erhielt. Am 14. Dezember 1965 wurde der Fakultätsbericht einstimmig angenommen.6 Am 15. Dezember 1965 ging die Vorschlagsliste der Fakultät an das Akademische Rektoramt der Universität Tübingen, unterschrieben von Dekan Küng, in der es heißt:

„Unter allen in Betracht kommenden Kollegen aber ragt einer bei weitem hervor: Professor Dr. Joseph Ratzinger, Ordinarius für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Münster. Nach reiflicher Überlegung aller Gesichtspunkte hat die Fakultät beschlossen, gegen ihre sonstige Gewohnheit Herrn Ratzinger dem Grossen Senat unico loco für den Tübinger Lehrstuhl für Dogmatik vorzuschlagen. Die Fakultät hat allen Grund anzunehmen, dass Ratzinger einem Ruf nach Tübingen Folge leisten wird. […] Mit Joseph Ratzinger aber wird die Universität Tübingen einen der fähigsten Theologen der jüngeren Generation gewinnen, der sich bereits internationales Ansehen verschafft hat.“

Küngs Schreiben betont abschließend, dass für die Entscheidungsfindung des Kollegiums „aber auch sein [Ratzingers] grosser Lehrerfolg in Bonn und Münster sowie die angenehmen menschlichen Eigenschaften, die eine fruchtbare Zusammenarbeit mit allen Kollegen erwarten lassen,“ ausschlaggebend gewesen sei. Vom 12. Januar 1966 datiert der zustimmende Senatsbericht; am 15. Januar 1966 schloss sich der Große Senat dem Vorschlag der Fakultät an, Ratzinger unico loco zu berufen, und am 3. März 1966 erfolgte die Ruferteilung durch das Kultusministerium des Landes Baden-Württemberg. 7 Am 25. Mai 1966 hielt Ratzinger seine letzte Vorlesung in Münster.8 Am 26. Mai zog er nach Tübingen um,9 und ab 27. Mai 1966 war er in der Friedrich-Dannenmann- Straße 22 in Tübingen, einer ihm von Hans Küng ausgesuchten Adresse, polizeilich gemeldet.10 Dienstantritt war der 1. Juni 1966.11 Am 21. Juni 1966 nahm Ratzinger an der ersten Fakultätssitzung teil.12 Nach seiner Rede auf dem 81. Deutschen Katholikentag in Bamberg (13.–17. Juli 1966) referierte Ratzinger am 28. September 1966 auf dem „Congresso internazionale sulla Teologia del Vaticano II“ (26. September bis 1. Oktober 1966).13 Das hier gehaltene lateinischsprachige Referat mündete in seine Tübinger Antrittsvorlesung vom 19. Januar 1967 über „Heilsgeschichte und Eschatologie“.14 Wolfram Viertelhaus (* 1944), Student der Katholischen Theologie und Mathematik von Wintersemester 1967/68 bis Sommersemester 1969 und aktives Mitglied der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Tübingen, der Ratzinger bereits als Bonner Student auf der von der Katholischen Studentengemeinde (KSG) Bonn vom 2. bis 6. Juni 1966 veranstalteten Werkwoche für Bonner Laientheologen „Kirche und Sakramente“ an der Thomas-Morus-Akademie Bensberg erlebt hatte, notierte sich als Viertsemester unter dem 23. Oktober 1967 in sein Tagebuch, sich an die Begegnung mit Ratzinger in Bensberg erinnernd:

„Nun begannen auch die Professoren Ratzinger und Küng zu lesen. Von Küng war ich ein wenig enttäuscht, Ratzinger faszinierte mich wieder. Auch Haag hörte ich erstmalig, ich kann aber noch nichts dazu sagen.“15

Viertelhaus hörte in diesem Wintersemester 1967/68 Ratzingers Dogmatische Hauptvorlesung „Die Lehre vom dreieinigen Gott“, Küngs Dogmatische Spezialvorlesung „Das Herrenmahl“ und die alttestamentliche Vorlesung „Exodus“ von Herbert Haag (1915–2001), 1960–1980 Professor für alttestamentliche Theologie, wobei Viertelhaus’ Tagebucheintrag offenkundig nicht taggenau erfolgte, da Ratzinger erst am 24. Oktober 1967 zu lesen begann.16 Drei Tage nach Bensberg hatte Ratzinger in Tübingen mit einem Teil des Kollegiums erstmals am 9. Juni 1966 an der Fronleichnamsprozession teilgenommen (Abb. 1).17



1 | Der Beitrag ist eine erweiterte Teilneufassung von: Frank Sobiech, Joseph Ratzinger im Kulturumbruch: Studentische Partizipation und Kirchenreformfragen in der Studentenrevolte an der Universität Tübingen und am Germanikum in Rom (1966–1972), in: Mitteilungen. Institut Papst Benedikt XVI. 15 (2022), 75–114, 181–184.
2 | Benutzt wurden für diesen Beitrag vor allem das Universitätsarchiv Tübingen, Tübingen (UAT) und das Universitätsarchiv Regensburg, Regensburg (UAR); für die jeweiligen Semester vgl. Eberhard-Karls-Universität Tübingen (Hg.), Namens- und Vorlesungsverzeichnis [jeweiliges Semester], Tübingen o. J.
3 | Vgl. Michael Karger, Walter Jens – Hans Küng und Joseph Ratzinger, in: Mitteilungen. Institut Papst Benedikt XVI. 2 (2009), 123–127.
4 | Telefonischer Bericht Prof. Gerhard A. Rummel (Freiburg i. Br.-Zähringen), 19.10.2022.
5 | [r.b.], Die Lehre von der Transsubstantiation. Prof. Ratzinger, Münster, über den Sinn der Eucharistie, in: Schwäbisches Tagblatt Nr. 157 vom 11.07.1964, [16]. Vgl. UAT 735/451; Joseph Ratzinger, Theologie der Liturgie. Die sakramentale Begründung christlicher Existenz (Joseph Ratzinger. Gesammelte Schriften 11), Freiburg i. Br. 2008, 271–298, 733, 740.
6 | Vgl. UAT 735/536, 189 (TOP 4), 191 (TOP 1), 193 (TOP 2); Hans Küng, Erkämpfte Freiheit. Erinnerungen, München 2002, 592.
7 | UAT 315/7.
8 | Vgl. Manuel Schlögl, Joseph Ratzinger in Münster 1963–1966, Münster 2012, 126.
9 | Vgl. UAT 315/7.
10 | Archivauskunft Stadtarchiv Tübingen, Tübingen (StAT) auf Grundlage der Tübinger Einwohnermeldekartei A 573N; Hans Küng, Umstrittene Wahrheit. Erinnerungen, München 2007, 29.
11 | Vgl. UAT 315/7.
12 | Vgl. UAT 735/536, 216.
13 | Vgl. Archivio Storico di Santa Maria dell’Anima, Roma (ASMA), M 3, Bl. 283, 366; ebd., C/5-f.
14 | Vgl. UAT 735/536, 227 (TOP 12c); Joseph Ratzinger, Der Gott des Glaubens und der Gott der Philosophen. Philosophische Vernunft – Kultur – Europa – Gesellschaft (Joseph Ratzinger. Gesammelte Schriften 3/1–2), Freiburg i. Br. 2020, 73–97, 988, 1010f.
15 | Tagebuchkladde Tübingen 1967 Wolfram Viertelhaus (Privatbesitz), transkribiert durch StD i. R. Wolfram Viertelhaus (Wittlich), März 2023, und dessen telefonischer Bericht, 06.03.2023; Auskunft Andreas Würbel, Thomas-Morus-Akademie Bensberg, 09.03.2023.
16 | Vgl. Studienbuch Wolfram Viertelhaus (Privatbesitz), Winter-Halbjahr 1967/68, und dessen telefonischer Bericht, 18.05.2023.
17 | Vgl. UAT 735/701. In Sobiech, Joseph Ratzinger (wie Anm. 1), 82 ist der Halbsatz „obwohl er selbst in Zivil erschien“ zu streichen und ebd., 181 Abb. 9 „Max Seckler“ durch „Richard Schaeffler“ zu ersetzen. [...]


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