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Editorial DOI: 10.14623/thq.2022.1.2–4
Thomas Jürgasch
Muße und Religion – ein perfect match made in heaven! Diesen Eindruck gewinnt man zumindest, wenn man zurückgeht zu den Anfängen der Mußeforschung in der griechischen Antike; bestimmt doch schon Aristoteles, der mutmaßlich erste Mußetheoretiker der sogenannten ‚abendländischen Geistesgeschichte‘, die Muße (gr. scholē) als einen, ja sogar den entscheidenden Faktor für eine gelingende Gottesbeziehung. Damit nicht genug ist die Muße laut Aristoteles auch wesentlich für das menschliche Glück, das er aufs Engste mit der eben genannten Beziehung zum Göttlichen verbindet. Denn unser Glück, so der Philosoph, stellt sich dadurch ein, dass wir unser Denken voll und ganz auf „den Gott“ ausrichten und damit unser genuin menschliches Potenzial als „vernunftbegabte Lebewesen“ in höchst- und bestmöglicher Weise entfalten. Eine solche intellektuelle Betrachtung des Göttlichen (gr. theōria, lat. contemplatio) vorzunehmen und so unser Glück zu verwirklichen, dies ist aristotelisch gedacht dabei im eigentlichen Sinn nur in Muße möglich. Nur in ihr nämlich finden wir die nötigen Frei- bzw. Möglichkeitsräume, in denen wir uns – befreit von den Zwängen und Belangen des Alltags – vollkommen auf die ‚theoretische Gottesschau‘ fokussieren können. Aus unserer heutigen Perspektive mögen solche Bestimmungen der Muße, gelingender religiöser Praxis und des menschlichen Glücks merkwürdig bis absonderlich erscheinen. Umso erstaunlicher ist es, dass diese Überlegungen nicht das Schicksal vieler anderer antiker Ideen erlitten haben und nicht schon längst in der Mottenkiste des geschichtlichen Vergessens abgelegt worden sind. Wenn wir immer noch von ihnen wissen, so hat dies seinen Grund u. a. darin, dass diese Vorstellungen Fragehorizonte eröffnen, die auch für uns heute noch von Relevanz sind. Denken wir beispielsweise über Entschleunigung nach oder darüber, wie wir in unserer hektischen Welt eine gelingende Work-Life-Balance erreichen können, wird nicht selten die Muße als ein möglicher Faktor für das Erreichen dieser Ziele ins Spiel gebracht. Und auch wenn diese Debatten natürlich unter ganz anderen Vorzeichen und Voraussetzungen als in der Antike geführt werden, erkennen wir in ihrem Hintergrund doch auch Fragen wieder, die schon Aristoteles’ Betrachtungen zur Muße aufgeworfen haben: z. B. die Frage nach dem menschlichen Glück oder danach, welche Formen der Praxis uns diesem näherbringen und in welchem Verhältnis hier etwa Arbeit, Freizeit und vielleicht sogar Zeiten der Muße zueinander stehen sollten.

Zur Änderung der Vorzeichen und Voraussetzungen dieser Diskussionen zur Muße gehört es, dass diese – zumindest auf der expliziten Ebene – vielfach nicht mehr im Kontext religiöser Fragestellungen geführt werden. Nichtsdestotrotz liegt es angesichts ihres eben skizzierten ‚klassischen Erbes‘ nahe, die Muße darauf hin zu befragen, wie sie es denn mit der Religion halte; inwiefern z. B. religiöse Praktiken auch heute noch dazu geeignet sein könnten, Mußezeiten in gelingender Weise auszufüllen und damit einen Beitrag zur Verwirklichung wichtiger Facetten unseres Menschseins und vielleicht sogar unseres Glückes zu leisten.

Um welche Praktiken aber könnte es sich dabei handeln? Müssen diese unbedingt kontemplativ sein, wie noch der stark durch Aristoteles geprägte Josef Pieper annahm? Oder müsste man die Muße – verstanden als einen „offeneren Raum“ – nicht vielleicht auch bzw. gerade in religiösen Zusammenhängen von einer solchen Engführung auf Kontemplation befreien, wie der aus ethnologischer Perspektive verfasste Beitrag Gregor Doblers fragt.

Welche besonderen Dimensionen der Zeitlichkeit der Muße lassen sich überdies erkennen, wenn man sie in eine Motivkonstellation mit religiös aufgeladenen Konzepten wie etwa dem des Augenblicks oder des Kairos stellt? Dieser Frage geht der Philosoph Jochen Gimmel auf der Grundlage u. a. von Texten Søren Kierkegaards, Michael Theunissens und Paul Tillichs nach, um so die geschichtsphilosophischen und -theologischen Ausmaße der Mußethematik herauszustellen.

Dass sich aus dem Nachdenken in und über Muße zudem wichtige Impulse im Kontext religiöser Bildung ergeben, betont der religionspädagogische Beitrag Matthias Gronovers. Gerade vor dem Hintergrund, dass z. B. der Religionsunterricht idealerweise auch durch Zeiten zweckfreier Tätigkeit geprägt ist und in dieser mußeaffinen Weise auch einen Beitrag zu einem gelingenden Leben leisten kann, zeigt sich, dass sich eine solche religionspädagogische Auseinandersetzung mit Muße lohnt.

Weitere praktisch-theologische Überlegungen bieten in diesem Zusammenhang Stephan Wahles liturgiewissenschaftliche Reflexionen zu sogenannten Räumen der Stille und ihren Potenzialen für Mußeerfahrungen. Auch wenn die Konzeptionen dieser Räume meist nicht dezidiert religiös sind, lassen sich doch anhand ihrer viele theologisch bedeutsame Aspekte der Muße thematisieren. Diese betreffen vor allem das Verhältnis von Muße und Sakralität, sie lassen aber auch Facetten des impliziten religiösen Erbes unserer Kultur zu Tage treten, wie es etwa in Formen der „säkularen Sakralität“ greifbar wird.

Kann Lachen erlösen – und welche Rolle spielt die Muße dabei? Andreas Kirchners theologische und kulturhistorische Überlegungen zum erlösenden Lachen setzen die Muße in ein Verhältnis zu Humor und Religion und stellen das besondere Verhältnis zur Welt heraus, in dem wir uns befinden, wenn wir Muße haben. Diese gleichzeitig durch Nähe und Ferne bestimmte Relation zur Welt verleiht dem Lachen einen besonderen Platz und markiert zudem eine menschliche Seinsweise, die zutiefst religiöse Züge trägt.

Können Götter faul sein? Aus Sicht früher christlicher Theologen ganz sicher, wie sich etwa mit Blick auf deren Polemiken gegen epikureische Gottesvorstellungen zeigt. In seinem kirchenhistorischen Beitrag untersucht Stefan Metz diese Spielart frühchristlicher Philosophie-Kritik. Dabei zeigt er auf, dass diese Polemik v. a. im Kontext eines von christlicher Seite rezipierten klassisch-römischen Mußediskurses entwickelt wurde, was u. a. auf wesentliche Aspekte der Inkulturation frühchristlicher Theologie in ihre römischen Umgebungskulturen hinweist.

Dass die Frage nach dem Verhältnis von Muße und Religion auch heute noch Anlass zu spannenden Diskussionen religiöser und theologischer Fragen geben kann, zeigen die in diesem Heft versammelten Beiträge deutlich. Überdies veranschaulichen sie, dass solche Debatten vor allem dann fruchtbar sind, wenn ihr intellektueller Horizont über die Grenzen der theologischen Disziplinen hinaus erweitert und das Gespräch über Muße und Religion im Rahmen eines interdisziplinären Austauschs geführt wird.

Zum großen Bedauern des Moderators spiegelt sich die Vielfältigkeit der durch die Artikel repräsentierten Fächer und Disziplinen nicht auch im Geschlechterverhältnis der Beitragenden wider. So konnten trotz vielfältiger Bemühungen und Anfragen nur männliche Autoren für einen Beitrag zu diesem Heft gewonnen werden. Ebenso war es bedauerlicherweise nicht möglich, das interreligiöse Moment, das bei der ursprünglichen Konzeption des Heftes eine wichtige Rolle gespielt hatte, in ausreichendem Maße zu berücksichtigen, da auch hier nicht alle der angefragten Autor:innen für einen Beitrag zusagen konnten.

Seinen Abschluss findet dieses Heft mit zwei Beiträgen, die unter der Rubrik der Themen der Zeit stehen. Zum einen handelt es sich dabei um Benedikt Redikers Betrachtungen zu einer Erweiterung eschatologischer Theodizee, zum anderen um eine von Harald Buchinger vorgenommene Analyse der Sakramente als Zeichen und Werkzeuge des Heils.

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