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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/thq.2020.1.51–68
Michael Theobald
„Ekklesiogenese“ im Neuen Testament – und heute?
Vom Werden des Amtes in der Kirche
1. Historische Darstellung und theologische Modellbildung

In der Wissenschaft des Neuen Testaments und der frühen Kirchengeschichte gilt seit langem als Konsens, dass sich kirchliche Ämter aus ersten Ansätzen in den frühen „judenchristlichen“ Gemeinden und im paulinischen Missionsbereich allmählich entwickelten, zeitverschoben und von Ort zu Ort verschieden. Wer neben den neutestamentlichen und patristischen Quellen auch die sogenannten apokryphen, später teils als häretisch ausgesonderten Schriften auswertet, wird von der Vielfalt an Gemeindeleitungsformen überrascht sein, die sich im 2. Jahrhundert, dem großen Laboratorium der Kirchengeschichte, herausgebildet haben. Dennoch kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass ab dem späten 2. und 3. Jahrhundert in den Zentren der spätantiken Kirche das episkopale Amt mit einem hauptverantwortlichen „Bischof“ zum maßgeblichen Leitungsmodell aufstieg und dies trotz tiefgehender Transformationen im Mittelalter und danach auch geblieben ist. Wird die Breite der Konfessionalisierung seit der Reformation berücksichtigt, konkurrieren heute episkopale mit presbyteralen, hierarchische mit synodalen, monarchische mit kollegialen Leitungsformen, letzteres selbst in der katholischen Kirche.

Kein Konsens besteht in der Frage, wie solche zunächst historisch zu analysierenden Prozesse theologisch zu bewerten sind. Idealtypisch betrachtet stehen sich verschiedene Modelle gegenüber. Prominent ist nach wie vor das traditionell-katholische oder organologische Modell, welches das Werden des kirchlichen Amtes mit dem Wachstum eines Organismus vergleicht. Nach diesem Modell lief die Geschichte in der ihr eigenen Entelechie immer schon auf das dreigliedrige Amt von Episkopos, Presbyter und Diakon zu. Die Vorformen interessieren nur insoweit, als sie die Endform der Institution legitimieren. Exegese, frühe Kirchengeschichtswissenschaft und zunehmend die Theologie als ganze sind aber an Modellen interessiert, die dem Phänomen des Werdens als solchem Relevanz zuschreiben und die Aufmerksamkeit auf soziale, kulturelle und anthropologische Faktoren richten, die ein solches Werden jeweils ermöglichen. Wie gelang Verantwortungsübernahme in der Ekklesia an unterschiedlichen Orten, die je ihren eigenen Wert haben, wie konnte sie immer wieder neu gelingen? Ein Modell, das weiterführt, findet sich in dem 1986 publizierten und ein Jahr später ins Deutsche übersetzten Buch von Leonardo Boff mit dem Titel „Und die Kirche ist Volk geworden“. Im Anschluss an Joh 1,14 („Und das Wort ist Fleisch geworden“) macht Boff das Werden der Kirche – er spricht von der „Ekklesiogenese“ – selbst zum Thema. Wie der Sohn Gottes sich in die Niederungen menschlichen Daseins begab, so erlebte Leonardo Boff nach eigenem Zeugnis in lateinamerikanischen Basisgemeinden, wie eine bürgerlich situierte hierarchische Kirche in die Niederungen der Städte hinabstieg, sich den Armen zugesellte, ihnen im Ringen um Befreiung Stimme und Verantwortung verlieh und so „Volk wurde“. Von besonderem Interesse ist das Kapitel „Ämter und Dienste in einer Kirche des Volkes“, weil es zeigt, wie anerkannte kirchliche Ämter in den Basisgemeinden eine „Neudefinition“ erfuhren und zugleich „neue Ämter in der Kirche aus dem Volk“ entstanden. Letztere betreffen alle vier Felder kirchlichen Handelns: die Verkündigung des Evangeliums, die Feier der Liturgie, die „Koordinierung im Dienst an der Einheit“ und die Diakonie, das „Handeln in der Welt“. Die Überlagerung von „Weiheämtern“ und „Laienämtern“ (so die Terminologie Boffs), also der klassischen Ämter von oben und der neuen von unten, problematisiert er nicht eigens. Aber er beobachtet, wie die traditionellen Ämter sich im Zusammenspiel mit den neuen verändern:

„Die Hierarchie der Kirche gliedert sich mehr und mehr in die Welt der Armen und in die popularen Gemeinden ein, sie wird selbst Kirche des Volkes und weiß sich auf ein und demselben Weg mit allen Glaubenden; sie erkennt die verschiedenen Charismen an, die in den Gemeinden lebendig sind, regt das Wachsen anderer an, die den konkreten Erfordernissen entsprechen, und sorgt, in Treue zu ihrer spezifischen Sendung, mit Eifer dafür, dass alles zum Wohle aller verläuft.“

Boff beschreibt hier idealisierend und vorbildhalft die Überlagerung zweier unterschiedlicher kirchlicher Strukturen, die in Wirklichkeit äußerst konfliktgeladen ablief, weil sie zu Konkurrenz und Unsicherheiten im Zusammenspiel der Funktionen führte. Derartige Probleme sind uns nicht unbekannt; sie haben längst auch uns einholt. Heute wird Leonardo Boffs Konzept der Ekklesiogenese in Europa überall dort relevant, wo Kirche im traditionellen Verständnis im Sterben liegt. In Frankreich etwa, wo flächendeckende Seelsorge schon längst zusammengebrochen ist und die „Diasporaisierung“ der Gemeinden fortschreitet, hilft das Konzept, Prozesse zu begleiten und zu stützen, wenn sich in geistlichen Zentren mit missionarischer Ausstrahlungskraft neue Identitäten herausbilden. Christoph Theobald hat dies jüngst aufgegriffen und systematisch entfaltet. Er betont, dass Kirche-Werdung mit der bewussten Präsenz der Christen in ihrem nichtchristlichen, säkularen Umfeld beginnt, und bezieht sich dabei auf das zumeist unterschätzte Missionsdekret des Zweiten Vatikanums „Ad gentes“. [...]


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