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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/thq.2019.4.369-378
Bernd Jochen Hilberath
Gemeinschaft der Christen oder der Gläubigen?
Zusammenfassung
Das Miteinander von Menschen unterschiedlicher Kultur und Religion oder Weltanschauung kann als friedvoll und bereichernd erfahren werden, wenn es gelingt, die eigene Identität nicht durch (verurteilende) Abgrenzung von jeglicher Andersheit sichern zu wollen. In einer Theologie des Zusammenlebens werden theologische Begründungen für das Miteinander aus den jeweiligen Traditionen herausgearbeitet, die tragfähiger sind als ein bloßes Gentlemen’s Agreement. Aus christlicher Sicht gilt: Esgeht um das Reich Gottes, nicht um die Kirche – die bewegende Kraft ist der Heilige Geist, der gegen alle unheiligen Geister steht.

Abstract
The relationship between people of different cultures and religions or beliefs may be a peaceful and enriching experience if one does not seek to secure one’s own identity by (condemnatory) differentiation from any otherness. In a theology of living together, theological justifications for people’s relationships will be derived from their respective traditions, being more sustainable than a mere gentleman’s agreement. From a Christian point of view, the following applies: it is about the Kingdom of God, not about the Church – the moving force is the Holy Spirit, who stands against all unholy spirits.

Schlüsselwörter/Keywords
Absolutheitsanspruch; Andersheit (Otherness); Heiliger Geist; Kirche; Reich Gottes; Religionen Absoluteness; Otherness; Holy Spirit; Church; Kingdom of God; Religions

Das Thema „Gemeinschaft im Christentum und im Islam“ hatte Mahmoud Abdallah und mich zusammengebracht. Bei der Arbeit an einem Lexikonartikel1 entdeckten wir ein solches Maß an Gemeinsamem einerseits und noch zu Diskutierendem andererseits, dass wir uns zu einer intensiven Zusammenarbeit entschlossen. Was jeder von uns seit langem im Bereich seiner Glaubensgemeinschaft erforschte, rückten wir jetzt auch in das spannende und spannungsreiche Verhältnis von Communio und Umma. In unseren heutigen Beiträgen geht es um die Reichweite der jeweiligen Religionsgemeinschaft, also um die Relation von absolutem Offenbarungsanspruch und realistischer bzw. gnadentheologischer Offenheit. Ich erarbeite mir das Thema in sechs Schritten, nach der Skizzierung des traditionellen Ausgangspunktes gewissermaßen von außen nach innen.2

1. Die Herausforderung der Tradition

Ich beginne mit der ‚Lebensweisheit‘ eines Nicht-Fachtheologen, aber immerhin eines Nobelpreisträgers: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Bob Dylan formuliert, was die Erfahrung vieler bestätigt, die sich in Gemeinden, Gemeinschaften, Gesellschaften, besonders in solchen religiöser Natur, um ein Aggiornamento, eine Verheutigung, eine Verlebendigung, wenn nicht sogar um die Lebensfähigkeit des Gemeinsamen überhaupt mühen. Neben denen, die sich um die Vergangenheit nicht scheren, weil sie die Welt heute gestalten wollen, finden sich mehrheitlich diejenigen, die die Vergangenheit beschwören, um sich die Gegenwart vom Leibe zu halten. In der Regel geschieht das dadurch, dass diejenigen Elemente einer Tradition bemüht werden, welche die eigene ideologische Position unterstützen. Wir haben es also nicht mit Ignoranz zu tun wie im ersten Fall, sondern mit Selektion. Ganz generell formuliert es Julius Wellhausen in der Einleitung zu der von Mahmoud interpretierten Gemeindeordnung von Medina: „Unser geschichtliches Interesse deckt sich gewöhnlich nicht mit dem der Quellen; eben deshalb ist Forschung vonnöten.“3 In dieser Feststellung steckt ein Bündel von Problemen bzw. werden Aufgaben angedeutet, welche die Hermeneutik, d. h. das Verstehen von Texten, betreffen. So haben wir uns etwa davor zu hüten, in Texte hineinzulesen, was diesen völlig fernliegt. Andererseits erwächst daraus die Herausforderung, Texte in ihrem historischen Kontext zu sehen, besonders wenn sie als kanonisch gelten wie Bibel und Koran und deshalb in Geltung bleiben sollen. Die christliche Exegese spricht vom (ursprünglichen) Sitz im Leben, die muslimische vom Offenbarungsanlass. In unseren Seminaren hier an der Universität und in den Vortrags- und Gesprächsrunden, zu denen Mahmoud und ich als „interreligiöses Duo“ eingeladen werden – treffender sollte ich sagen: wir als con-religiöses befreundetes Wissenschaftlerpaar Auskunft geben und Theologie treiben –, in diesen Begegnungen also stellen wir regelmäßig fest: Die Auslegungsprobleme, mit denen die wissenschaftlich arbeitenden Muslime derzeit beschäftigt sind, kennen wir christlichen Theologen aus unserer jüngsten Vergangenheit. Noch heute ist nicht allen selbstverständlich, dass Schriftauslegung nur dann der Glaubensgemeinschaft einen Dienst erweisen kann, wenn sie nach allen Regeln der Kunst des Verstehens betrieben wird. Außerdem stellen wir immer wieder fest, wie wenig die eigene Geschichte bekannt ist, noch weniger die der jeweils anderen religiösen Tradition; in mancher Hinsicht waren wir schon einmal weiter, die Muslime ebenso wie die Christ*innen und ihre Kirchen. Es gibt keine ungebrochene Geschichte der Institutionen, noch erfolgt die Weitergabe der Glaubensüberzeugung, z. B. in der Dogmengeschichte, in stets evolutionärem Aufstieg. Daraus folgen als Appelle: Vergesst eure Tradition nicht; vernachlässigt nicht ihre historische Relativität, selbst wenn ihr an einer Geltung für alle Menschen und Zeiten festhaltet; habt so viel Vertrauen in die Lebenskraft eurer Überlieferungen, dass ihr nicht um sie fürchtet, wenn sie in der Gegenwart zur Geltung gebracht werden sollen.

In der Verteidigung der Christlichkeit des Abendlandes bzw. in der Debatte, ob der Islam zu Deutschland gehört, sollte auch „die andere Geschichte“ erzählt werden, die das offizielle Narrativ ergänzen, korrigieren und teilweise widerlegen wird. Wie der Untertitel einer einschlägigen Publikation „Orient und Okzident – die andere Geschichte“ signalisiert, geht es darum, „das Fremde als kulturelle Bereicherung“ sehen zu lernen.4 Die Autoren sind der türkische Wissenschaftler Nevfel Cumart und der deutsche Physiker und Spezialist für Reaktorsicherheit Ulrich Waas. Also keine Fachtheologen!

Meine Damen und Herren, möglicherweise wird die eine oder der andere von Ihnen schon gedacht haben: Wann kommen endlich die theologischen Argumente zum Thema?

2. Zum Kontext unserer Arbeit – Zwischenrufe


Meine Erfahrungen im ökumenischen Dialog und unsere Erfahrung in der interreligiösen Begegnung entlarven die Vorstellung als Illusion, wir könnten die ideologische Begegnung von Traditionen sine ira et studio, also „cool“, in gelehrten Runden aufgrund der Vernunftbegabung aller klären. Einen herrschafts- und emotionsfreien Dialog im Gefolge von Jürgen Habermas werden wir nicht initiieren können. Aus diesem Grund bitte ich die eventuell vorhandene Ungeduld noch ein wenig zu zügeln und zunächst diejenigen auf ihre Kosten kommen zu lassen, die der Meinung sind, wir seien ohnehin schon im Thema.

Selbstverständlich bin ich als systematischer Theologe in einer Zwickmühle: Ich kann die historischen, aber eben auch die psychologischen und soziologischen bzw. sozialpsychologischen Bedingungen nicht ignorieren, bin aber selbst kein Experte, zumindest nicht auf den zuletzt genannten Feldern. Ich helfe mir durch Berufung auf einschlägige aktuelle Zwischenrufe, womit ich zugleich auf entsprechende Publikationen hinweise.

Ende letzten Jahres erschien in der Rubrik „Gesellschaft“ der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit dem Soziologen Richard Sennett zu seinem Städte-Projekt.5 Gefragt danach, wie die Stadt der Zukunft aussieht, antwortet Sennett: „Die Frage ist, wie wir Städte so gestalten, dass unterschiedliche Menschen dort zusammenleben können.“ Weiter gefragt: Was ist denn das Ideal einer gesunden, lebenswerten Stadt? Die Antwort zeigt sich als eine Option: „Ich glaube tatsächlich, dass eine offene Stadt für jeden gut wäre. Die Stadt sollte ein Ort sein, wo Menschen lernen, mit Komplexität, mit Vielfalt zu leben […]. Zeitgenössische Kulturen verlieren gerade die Vorstellung, dass Komplexität etwas Gutes ist. Sie wollen Einfachheit, wollen zurück zu einer fiktionalen Zeit, wo es Gemeinschaft gegeben haben soll, in denen alle gleich waren. Wo alle Deutsch sprachen […] für mich ist das ein dezivilisierender Prozess […].“

„Vielfalt statt Einfalt“ können wir auf Stickern von Basisbewegungen lesen. Es gibt Zeitgenossen, die sich dafür engagieren – doch: was bewirken sie? Wir römisch-katholische Christen kennen in unserer eigenen Glaubensgemeinschaft, und wir Deutschen kennen das in unserer eigenen Gesellschaft, dass das Einfache als das „eigentlich Selbstverständliche“ gepriesen und der Fiktion angehangen wird, der schmale Ausschnitt der bekannten und selektierten Tradition sei das Ganze.

Die Diagnose „Unwissenheit und Dummheit“ trifft nicht generell zu, sehen wir doch sogar Wissenschaftler und sonstige Intellektuelle als Anhänger dieser Option. Offensichtlich geht es nicht um Einsicht, sondern um Erfahrung. Das begegnet Mahmoud und mir regelmäßig, und das ist die Triebfeder unseres Engagements: Menschen der beiden Traditionen zusammenzubringen, damit sie voneinander erfahren, wie der jeweils Andere wirklich denkt, den Glauben lebt. Für die einen ist das befreiend, andere sind skeptisch („Sie suchen mit Gewalt das Gemeinsame“, tönt uns dann entgegen), wieder andere lassen sich nicht darauf ein. Als Individuen werden sie durch einen charakteristischen Grundzug unserer Gesellschaft unterstützt, gefördert.

Myisha Cherry, Juniorprofessorin für Philosophie an der University of California in Riverside schrieb Ende 2018 im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung zum Prinzip des „Othering“, der Ausgrenzung der Anderen als Andere.6 Kernsatz: „‚Othering‘ [abgeleitet von ‚the other‘ = der/die andere] heißt nichts anderes, als jemanden aus der Menschheit auszuschließen, indem man bestimmt, wer dazugehört und wer nicht […]. Diese Methode hat eine lange Geschichte, und sie hält sich bis heute.“ Die Definition, also die Eingrenzung und Ausgrenzung kann „auch durch Entmenschlichung geschehen, bei der wir […] Menschen in Tiere und Monster verwandeln. Frauenhass und Sklaverei sind Beispiele.“ Sie kann aber auch – das kennen wir aus dem Alltag vielleicht eher – „durch Rhetorik geschehen. Das kann subtil sein oder deutlich. Die Begriffe ‚wir‘ und ‚sie‘ können beispielsweise Demarkationen dafür sein, wer dazugehört und wer nicht. Die Rhetorik der Angst schichtet oft neue Ebenen auf dieses ‚sie‘ und konstruiert so stereotypische und irreführende Bilder der Anderen, sowie unvertretbare Angst vor ihnen, um sie auszuschließen.“

Die Philosophin lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das Paradox der Ausschließung, die nicht dadurch geschieht, dass wir uns für besser erklären, sondern dadurch, dass wir uns als normal bestätigen – uns und „alle jene, die wir nicht ausgeschlossen haben“. Worin liegt das Paradoxe und wie kann dem Othering, dem Abstempeln des Anderen als Anderer, der nicht dazugehört, begegnet werden? „Wer glaubt, dass, wer in einem anderen Teil der Welt lebt oder eine andere Weltsicht hat, nicht dazugehört und nicht Mensch genug ist, der ist nicht außergewöhnlich. Der hat sich für Normalität entschieden, was nichts anderes heißt, als eine durchschnittliche, mittelmäßige Existenz […]. In einer Zeit, in der Faschismus auf dem Vormarsch ist, müssen wir jedoch außergewöhnlich sein. Wir müssen mehr tun als unsere Vorfahren. Wir müssen die Schönheit und Menschlichkeit im Unterschied erkennen. Nur dann können wir andere so behandeln, wie sie es verdienen – als Menschen.“

Nicht normal sein und andere ausschließen, sondern außergewöhnlich sein und andere einschließen!

3. Der Anspruch der Religion(en)


Wenn wir keinen Mitmenschen als Mit-Menschen ausgrenzen können, was heißt das für die Grenzen zwischen unseren Religionen? Relativiert sich dadurch nicht zumindest die Grenze zwischen der Gemeinschaft der Christen und der Gemeinschaft der Gläubigen? Aber suchen wir dann nicht krampfhaft nur das Gemeinsame? Und überhaupt: Was menschlich und politisch als förderlich erscheint, hat das auch eine theologische Grundlage, entspricht das dem Selbstverständnis der Glaubensgemeinschaften? Genau hier setzt das von Mahmoud und mir initiierte Projekt einer Theologie des Zusammenlebens bzw. der Förderung von Theologien des Zusammenlebens an. Die Erfahrung zeigt, dass es auf die Dauer zu kurz gegriffen wäre, sich hinsichtlich des Zusammenlebens von Christen und Muslimen mit einem pragmatischen Gentlemen Agreement zu begnügen. Es gilt, theologisch herauszuarbeiten, was die Glaubensüberzeugung der Gemeinschaften trägt. Dazu dient der Rückgriff auf die maßgebende Tradition, die freilich für Heute nur maßgebend sein kann, wenn sie nicht bloß wiederholt wird. Hier tun sich Christen derzeit mehrheitlich ein wenig leichter als viele Muslime, auch wir römisch-katholischen Gläubigen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Die meisten von uns haben gelernt, dass Wortwörtlichkeit nicht die Verbindlichkeit garantiert. Dies verschärft freilich die Frage danach, wer denn für die Verbindlichkeit einsteht. Auf römisch-katholischer Seite scheint das kirchenrechtlich geklärt – und bleibt doch umstritten, auch weil es eine Frage der Angst und der Macht ist. Wer spricht für die Muslime? Wer sagt, was an der Charta von Medina heute noch verbindlich ist?

Vom 25. bis 27. Januar 2016 kamen in Marrakesch Hunderte von muslimischen Gelehrten aus über 120 Ländern, Repräsentanten muslimischer und internationaler Organisationen sowie Führer verschiedener religiöser Gruppen und Nationalitäten zusammen. Anlass: der 1.400. Jahrestag der Charta von Medina! Deren Kernstück, so heißt es, ist die Garantie der Religionsfreiheit aller, unabhängig von ihrem Glauben. Die Versammlung bestätigt auf einer großen Konferenz die Prinzipien der Charta.

4. Das Projekt einer Theologie des Zusammenlebens

Wenn ich recht sehe, kann auch diese Bestätigung der Charta von Medina eine theologische Vertiefung im Sinn einer Theologie des Zusammenlebens vertragen! Freilich könnten wir entspannter (im wahrsten Sinn des Wortes) daran arbeiten, wäre all das schon realisiert, was die Marrakesch-Erklärung im Anschluss an die Charta für unsere heutige Situation fordert, u. a. nämlich eine Jurisprudenz der bürgerlichen Rechte im Sinne der Menschenrechte und zugleich verwurzelt in der muslimischen Tradition sowie ein mutiges Reviewing der Curricula und der pädagogischen Konzepte. Es soll also die Tradition der convivencia wiederbelebt werden, die z. B. in Andalusien, aber auch – wie wir auf unserer einschlägigen Tagung erfahren haben – anderswo vor Jahrhunderten zumindest als Ideal angestrebt wurde.

Auch das Gemeinsame Wort der über 130 muslimischen Gelehrten unterfüttert die Prinzipien des Zusammenlebens durch theologische Basisargumente. Für eine miteinander betriebene Theologie des Zusammenlebens kann als vorbildlich angesehen werden, dass muslimische Theologen auf jüdische und christliche Tradition und Schriftstellen verweisen und sogar die christliche Exegese heranziehen. Der für unsere Frage Gemeinschaft der Christen oder der Gläubigen? einschlägige Abschnitt im Gemeinsamen Wort lautet: „Ist das Christentum zwangsläufig gegen die Muslime? Im Evangelium sagt Jesus Christus: Der, welcher nicht mit mir ist, ist gegen mich […]. Denn der, welcher nicht gegen uns ist, ist auf unserer Stelle.“ Dass zwischen Mt 12,30 und Mk 9,40 / Lk 9,50 kein Widerspruch besteht, vertreten die Muslime durch Rekurs auf die Auslegung des orthodoxen Erzbischofs Theophylakt von Ochrid und Bulgarien.7 Die Aussagen widersprechen sich also nicht, „denn die erste Feststellung […] bezieht sich auf Dämonen, wohin gegen die zweite und dritte Feststellung sich auf Leute bezog, die Jesus anerkannten, jedoch keine Christen waren. Muslime anerkennen Jesus Christus, den Messias nicht auf gleiche Weise, wie Christen das tun (doch selbst die Christen waren nie gänzlich einer Meinung in Bezug auf die wahre Natur Jesu Christi), doch auf folgende Weise: […] Wahrlich, der Messias, Jesus, Sohn der Maria, ist ein Gesandter Gottes und Sein Wort, das Er Maria entboten hat, und von seinem Geist […] (Al-Nisa‘, 4:171). Daher laden wir die Christen ein, die Muslime nicht als gegen sie, sondern als mit ihnen, im Sinne oben zitierter Worte Christi anzusehen.“8

Uns verbinde der Monotheismus und das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe! Ist das ein Wort zwischen uns, also eines, das uns gemeinsam ist? Übernehmen wir, was diese Muslime uns ins Stammbuch schreiben wollen? Und wenn ja – wie?

5. Grundsatz und Einsichten aus christlicher Perspektive


Bis vor knapp 100 Jahren sah die römisch-katholische Kirche noch nicht einmal für nicht-katholische Christen eine wirkliche Heilsmöglichkeit; ökumenische Kontakte waren verboten, im Umfeld des Zweiten Vatikanums dann „undercover“ geduldet. Noch umstrittener war die Religionsfreiheit, die in einer Enzyklika 1832 als deliramentum, als Hirngespinst, verurteilt wurde. Gut 130 Jahre später bekennt sich die römischkatholische Kirche offiziell zur Gewissens- und Religionsfreiheit und positioniert sich neu in ihrer Haltung gegenüber den anderen Religionen. Die theologische Weiterarbeit in der Forschung und die Verbreitung dieser Lehren in der Lehre war und ist bis heute Aufgabe unseres Instituts. Das ist bekannt, kann nachgelesen und nachgearbeitet werden. An dieser Stelle nehmen wir nur in den Blick, was wir als den theologischen Grundsatz bezeichnen können. Im Anschluss an Bibelstellen wie „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,4), sowie in der Nachfolge Jesu, der behauptet hat, beim Heiden einen größeren Glauben gefunden zu haben als in seinem eigenen gläubigen Volk, konnte das Konzil den Zeichen der Zeit, d. h. den Erfahrungen der Menschen von heute, begegnen, ohne in den Verdacht zu geraten, sich diesen auszuliefern. Der Verdacht wurde und wird bis heute von Traditionalisten erhoben, was bestätigt, wie angebracht unser längerer Anweg zu den theologischen Argumenten ist. Mit dem Universalismus des Heils tut sich die katholische Tradition hier und da leichter als diejenige reformatorische, die mit einer stark ausgep rägten Christozentrik immer wieder herausgefordert wird. Zwei weitere wiedergewonnene theologische Einsichten ebneten den Weg zu der Überzeugung, dass alle zum Heil berufen sind und die verschiedenen Religionen Wege zum Heil sein können, auch wenn es nach wie vor ein Interesse an der Diskussion gibt, ob es sich auch um legitime Heilswege handelt.

Die erste Einsicht war die Wiedergewinnung einer Theologie der Schöpfung, die davon ausgeht, dass Gott alles – gut – geschaffen hat, dass jeder Mensch ein Geschöpf Gottes ist und dass Gott die Schöpfung nicht vernichtet, sondern im Gegenteil zur Vollendung führen wird. In diesem Kontext ist nicht mehr nachvollziehbar, dass Gott das Heil aller Menschen will, sich aber nur einem Teil der Menschheit so offenbart, dass dieser den Weg des Heils einschlagen kann. Da stimme ich doch gern dem Koranvers zu, der besagt, dass Gott auch hätte ein Volk schaffen können, wenn er es gewollt hätte, aber er bevorzugte die Vielfalt. Pluralität auszuhalten und einzuüben erweist sich dann als Schöpfungsaufgabe!

Die zweite Einsicht wurde von dem Tübinger Johann Sebastian von Drey zu der Zeit formuliert, als die Religionsfreiheit als deliramentum diffamiert wurde. Es handelt sich um die Unterscheidung zwischen Kirche und Reich Gottes. Das Zweite Vatikanische Konzil hat dies lehramtlich-offiziell bestätigt, indem es zu Beginn der Dogmatischen Konstitution über die Kirche die Kirche als „Zeichen und Werkzeug“ bezeichnete. Wurde im ersten Textentwurf noch die Kirche selbst als „Lumen gentium“ (Licht der Völker) bezeichnet, so wird dieses Prädikat dann – theologisch völlig korrekt – Jesus Christus zuerkannt. Es bleibt ungünstig, dass die Kirchenkonstitution wie üblich mit den lateinischen Anfangsworten „Lumen gentium“ zitiert wird und dadurch falsche Assoziationen weckt. Wenn die Kirche, die Gemeinschaft der Christgläubigen mit ihren Institutionen, nur Zeichen, aber nicht die Sache selbst ist, wenn sie nur Werkzeug (instrumentum) ist, dann geht es grundsätzlich nicht darum, zur Kirche zu gehören, sondern gläubig im Sinne des Reiches Gottes unterwegs zu sein. Das lässt sich z. B. an der Einheit von Gottes- und Nächstenliebe erkennen. Das lässt sich an dem Glauben an den einen Gott, neben dem es keine Götter gibt, erkennen. Für die christlich-muslimische Begegnung setzt das voraus, dass der Glaube an den dreieinen, dreifaltigen Gott nicht als Tritheismus verstanden wird. Mahmoud und ich beginnen nicht ausgerechnet an dieser hochschwierigen theologischen Stelle; als Ausgangspunkt genügt, wenn Mahmoud sagt: „Ich glaube Dir, dass es kein Dreigötterglaube ist, aber ich verstehe es nicht.“ Daran können wir ja arbeiten!

Noch eine mögliche Irritation für Muslime ist hier zu erwähnen: Es ist möglich, ein Christ, ja sogar ein „guter Christ“ zu sein, wenn ich nicht alle Gebote der Kirche regelmäßig befolge, also z. B. das Sonntagsgebot, aber mich bemühe, nach den Geboten Gottes und nach der Frohen Botschaft, dem Evangelium zu leben. Die Gemeinschaft der Christinnen und Christen kann dafür Zeuge sein, Zeichen und Werkzeug. Zumal in der heutigen Weltgesellschaft kann sie das nur sein im Zusammen in der Gemeinschaft der Gläubigen. Für das Überleben der Menschheit in der Schöpfung Gottes sind die noch anhängigen innerchristlichen, ökumenischen Fragen und Kontroversen irrelevant. Sie stehen einem gemeinsamen Zeugnis für das Reich Gottes nicht im Weg. Und von daher eröffnet sich die Zusammenarbeit mit all den Gläubigen, ja sogar mit Menschen ohne religiösen Glauben, die – ob anonym oder wie auch immer – im Sinn des Reiches Gottes unterwegs sind.

6. Das Projekt einer Theologie des Heiligen Geistes

Meine Damen und Herren, liebe Freunde, lieber Mahmoud, am Schluss meiner Abschiedsvorlesung vor sechs Jahren zitierte ich den Pfingstpsalm des evangelischen Kabarettisten mit dem katholischen Humor, also von Hanns Dieter Hüsch. Ich möchte auch heute damit schließen, allerdings nur mit dem zweiten, interreligiös/conreligiös leichter verdaulichen Teil. Freilich gibt es einen gewichtigeren Grund als die Erinnerung an den Abschied aus dem offiziellen Dienst. „Worauf es uns ankommt“ ist ja das Thema, das gleich im Podiumsgespräch nochmals vertieft wird. Worauf es mir grundsätzlich gläubig-theologisch ankommt, habe ich auszuführen versucht. Woran ich konkret als Beitrag zur Arbeit des Instituts arbeite, ist eine Theologie des Heiligen Geistes, auch in der Absicht eine Brücke zu bauen bzw. einen Weg zu bahnen für das Aufeinanderzu der Religionen. Und ich hoffe, dies immer wieder auch gemeinsam mit Mahmoud tun zu können. – Und jetzt hat Hanns Dieter Hüsch das Wort:

Und er schickt uns seit Jahrtausenden
Den Heiligen Geist in die Welt
Dass wir zuversichtlich sind
Dass wir uns freuen
Dass wir aufrecht gehen ohne Hochmut
Dass wir jedem die Hand reichen ohne Hintergedanken
Und im Namen Gottes Kinder sind
In allen Teilen der Welt
Eins und einig sind
Und Phantasten dem Herrn werden
Von zartem Gemüt
Von fassungsloser Großzügigkeit
Und von leichtem Geist –
Ich zum Beispiel möchte immer Virtuose sein
Was den Heiligen Geist betrifft
So wahr mir Gott helfe. Amen.

Anmerkungen

1 | Bernd Jochen Hilberath, Keiner glaubt für sich allein: Kirche und Umma, in: Volker Meißner/Martin Affolderbach/Hamideh Mohagheghi/Andreas Renz (Hg.), Handbuch christlich-islamischer Dialog: Grundlagen – Themen – Praxis – Akteure, Freiburg i. Br. 2014, 218–227.
2 | Die Redeform des Beitrags wurde beibehalten.
3 | Julius Wellhausen, Skizzen und Vorarbeiten, Heft 4, Berlin 1985, 68.
4 | Nevfel Cumart/Ulrich Waas, Orient und Okzident – die andere Geschichte. Das Fremde als kulturelle Bereicherung, Freiburg i. Br. 2017.
5 | Laura Weissmüller, Städte richten sich nicht nach den Menschen aus. Richard Sennett im Interview, in: SZ, Nr. 299, 29./30.12.2018, 47.
6 | Myisha Cherry, Wir wären so gern normal, in: SZ, Nr. 292, 19.12.2018, 9.
7 | Der – wörtlich – „gesegnete Theophylakt“ wurde 1055 geboren und war von 1090 bis zu seinem Tod 1108 Erzbischof.
8 | Kommt auf ein gemeinsames Wort zwischen uns und euch (A Common Word between us and you), in unterschiedlichen Formen veröffentlicht (online und gedruckt).

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