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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/thq.2020.1.35–50
Stefan Eckhard
Kanon und Geschichte
Trends in der neutestamentlichen Forschung
1. Der neutestamentliche Kanon in der Deutung der aktuellen neutestamentlichen Exegese

Die Schriften des Neuen Testaments vermitteln ein Bild von den Anfängen der christlichen Glaubensgemeinschaft. Den mit der Frage der Frühzeit des Christentums verbundenen literarisch-theologischen wie soziologisch-kulturellen Aspekten hat sich die neutestamentliche Forschung vor allem in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten noch einmal in besonderer Weise zugewandt. Als paradigmatisch für das Interesse an dieser Thematik können drei bedeutsame Strömungen – drei ‚Trends‘ – genannt werden:

(1) Innerhalb der Q-Forschung hat sich in der jüngeren Vergangenheit eine Gruppe von Forscherinnen und Forschern zum Neuen Testament erneut intensiv der minutiösen Rekonstruktion dieser hypothetischen Schrift gewidmet. Frucht der Bemühung dieses Internationalen Q-Projekts (International Q-Project/IQP) ist die umfangreiche, im Jahr 2000 erschienene vollständige kritische Edition des Q-Textes. Die Spruchquelle kann insofern als herausragendes Zeugnis der Frühzeit des Christentums gelten, da sie auf die Verkündigung judenchristlicher – präziser gesagt: jüdischer, jesusgläubiger – Wandermissionare aus dem nordpalästinisch-syrischen Raum zurückgeht. Ihr eigenständiges theologisches Profil lässt die gemeinsame Wurzel der heute getrennten Weltreligionen von Judentum und Christentum deutlich hervortreten. Die nun vorliegende wissenschaftliche Textausgabe von Q kann also ein Schlaglicht auf diese Zeit des Anfangs werfen.

(2) Ein weiterer, vor allem von der englischsprachigen Exegese angestoßener Diskurs betrifft die Rechtfertigungslehre des Apostels Paulus (vgl. die pointierte Aussage in Gal 2,16). Diese „new perspective on Paul“ (die neue Paulusperspektive) wendete sich gegen eine Strömung in der damaligen – sozusagen alten – deutschen, protestantischlutherischen Exegese, der zufolge das Judentum als „selbstgenügsame Leistungsreligion“ erschien, und bestimmte das paulinische Spannungsverhältnis zwischen jüdischem Gesetz (νόμος) und Glaube (πίστις) an Jesus Christus neu. Der Ursprung dieser Deutungsrichtung in der Paulusforschung – bekannte Vertreter sind Ed Parish Sanders und James D. G. Dunn – lässt sich bis in die 70er- und 80er-, im Kern sogar bis in die 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückverfolgen. Die Ergebnisse sind vor allem in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren sukzessive rezipiert worden: so natürlich auch von der deutschsprachigen – vor allem von der protestantisch-lutherischen – Exegese.

3) Jüngst hat sich die exegetische Forschung auch wieder näher mit dem Kanon des Markion von Sinope befasst: Diese wohl aus der Mitte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts stammende Sammlung von zehn Paulusbriefen und einem Evangelium ist verschollen und lediglich durch die fragmentarische Bezeugung der Gegner Markions bekannt. Zu diesem Themenkomplex, insbesondere zur Frage nach den Auswirkungen des markionitischen Kanons auf die Ausbildung des kirchlichen Kanons – des späteren und somit heutigen Neuen Testaments – sind einige aufschlussreiche Monografien erschienen. Stellvertretend für diese Publikationen soll die große Studie des protestantischen Neutestamentlers Matthias Klinghardt aus dem Jahr 2015 vorgestellt werden. Klinghardt unternimmt darin nicht nur den Versuch, das Evangelium des Markion im Ganzen noch einmal zu rekonstruieren, er entwickelt zugleich eine neue und umfassende Hypothese zur Entstehung des Markus-, Matthäus- und des Lukasevangeliums und zusätzlich des Johannesevangeliums. Das markionitische Evangelium sei – so die Kernthese Klinghardts – das älteste Evangelium und stelle zudem die Grundlage aller vier im Kanon des Neuen Testaments versammelten Evangelien dar. Klinghardt lehnt damit die heute in der Exegese des Neuen Testaments weithin geteilte Zwei-Quellen-Theorie zur Entstehung der Evangelien ab und ersetzt sie durch ein alternatives Modell.

Im Folgenden sollen diese drei aktuellen Forschungsgebiete der neutestamentlichen Exegese unter Punkt 2. in ihren Grundzügen skizziert und knapp kommentiert werden, bevor abschließend (vgl. Punkt 3) eine kurze Bilanz gezogen wird.

2. Drei Trends in der aktuellen neutestamentlichen Exegese

2.1. Jude oder Christ?


Ein plausibles Erklärungsmodell für die „synoptische Frage“ stellt die Zwei-Quellen-Theorie dar, der zufolge die Verfasser des Matthäus- und des Lukasevangeliums jeweils unabhängig voneinander neben dem Markusevangelium als „zweite“ Vorlage die Spruchquelle verwendet hätten, die den beiden Evangelisten vermutlich bereits schriftlich zugänglich war. Entstanden ist diese schriftliche Fassung der heute verloren gegangenen Redenquelle wohl um 60 n. Chr.; die mündlichen Vorstufen reichen sogar noch weiter zurück. [...]


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