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Editorial
Johanna Rahner
Von Mozarts ‚Zauberflöte‘ bis zu Schuberts ‚Lazarus‘ – wollte man nur die beiden großen Komponisten nennen, auf die in zwei Beiträgen dieses Heftes rekurriert wird, so zeigt sich schon allein darin ein recht breites musikalisches Spektrum, das als Hinweis darauf dienen könnte, dass Hefte wie das nun vorliegende mitunter die Eigenschaft haben, die darin traktierten Themen eher kaleidoskopartig denn thematisch konzentriert zu präsentieren. Dennoch verbindet die Beiträge ein gemeinsames Anliegen: Sie stellen sich Fragen nach der kontextuellen Gestalt des Glaubens, nach dem mit ihm verbundenen kulturellem Erbe und der Möglichkeit historischen Verstehens, nach Fremdheitserfahrung, die sich aus der historischen Distanz bedingt, und der sich daraus ergebenden Problematik einer neuen Kontextualisierung und kritischen Aneignung und der damit verbundenen Übersetzungsarbeit und Hermeneutik – allesamt theologische Aufgabenstellungen, für deren angemessene Wahrnehmung gerade das II. Vatikanische Konzil steht.

Den Reigen eröffnet der Abdruck der von Michael Theobald am 19. Januar 2016 gehaltenen Abschiedsvorlesung. Kritisch nimmt er dabei das historisch gewachsene, aber auch erkämpfte Selbstverständnis und den aktuellen Status der katholischen Exegese in den Blick. Das zum angemessenen Verstehen wichtige Fremdheits- und Befremdungspotential der neutestamentlichen Überlieferung wird ihm gerade durch die historisch ansetzende Kritik im Bewusstsein gehalten, indem diese gerade in der Mehrdeutigkeit und Ambivalenz ihrer Ergebnisse dem Rätselhaften und Staunen Erregenden, ja Provozierenden in den neutestamentlichen christologischen Aussagen Raum gibt, die Ambivalenz eines möglichen (Miss-)Verstehens durch- und die kontextbedingte Uneindeutigkeit des bekenntnishaft Ausgesagten offenhält: „Mehrdeutigkeit, Verwechselbarkeit und Missverständnisse gehören zu seiner [Jesu] Geschichte und Person“ und lassen damit die Aneignung im Glauben zu einer stets neu zu leistenden Herausforderung werden, die in Gestalt des ‚historischen Denkens‘ nicht einer Schwächung sondern einer ‚Revitalisierung‘ des Geglaubten dienen kann.

Kontrast- und Fremdheitserfahrungen christlicher Glaubensgeschichte, an denen es sich gerade unter einer modernen Perspektive abzuarbeiten gilt, bietet der Beitrag von Hans Reinhard Seeliger, der in seiner Abschiedsvorlesung am 8. Februar 2016 die These einer ‚Hellenisierung‘ und ‚Enkratisierung‘ des antiken Christentums kritisch in den Blick genommen hat. Indem er die durch die lebenspraktisch orientierte mittel- und neuplatonische Philosophie inspirierten christlichen Ansätze zu Askese und Enthaltsamkeit mit den Herrschafts- und Beherrschungsdiskursen spätmoderner Philosophie kontrastiert– „Selbstbeherrschung, um andere zu beherrschen: Hier, und nicht bei der Vorstellung kultischer Reinheit, sind wir beim wahren Wurzelgrund des Zölibats“ –, fordert er aus der Perspektive kulturwissenschaftlich orientierter Körperdiskurse eine notwendige Selbst- und Systemkritik der asketischen Ideale des Christentums. Sozialgeschichtliche Analysen zu Klärung von Herkunft, Beeinflussung und Kontext mitunter stark normativ daherkommender Leitgedanken werfen nicht nur die Frage nach der Kultur- und Kontextabhängigkeit bestimmter Positionierungen und daher die Frage nach ihrer Zeitbedingtheit und Verbindlichkeit auf, vielmehr ist die Aufdeckung der darin verborgenen, überkontextuellen Instrumentalisierung samt deren ideologiekritischer Dekonstruktion als zentrale Aufgabe historischer Forschung noch einmal nachdrücklich einzufordern.

Leib- und Körperdiskurse ganz eigener Art stehen im Zentrum des Aufsatzes von Rolf Kühn zum Beitrag jüngerer, lebensphänomenologischer und dekonstruktivistischer Ansätze zu einem zeitgenössischen theologischen Verständnis der Erinnerungsgestalt der Eucharistie. Gewährsmänner sind ihm dabei Michel Henry (1922–2002), Jean-Luc Marion (geb. 1946) sowie Jean-Luc Nancy (geb. 1940). Gedächtnis ist leibgebunden und Erinnern ein affektives, gleichfalls leibhaftig vermitteltes Agieren. Inkarnation als Zentralsatz des Christentums gilt es daher als auch material vermittelte Gabe und Hingabe ernst zu nehmen, ebenso wie die durch ihre Verlebendigung im Vollzug phänomenologisch vermittelte Effektivität. Selbstoffenbarung Gottes ist daher kein Wort über Gott, sondern ein Vollzug. Angemessen zu bezeugen ist diese Offenbarung nur als leibhaftig vermitteltes, ‚praktisches‘ und ‚empathisches‘, wenn auch immer nur fragmentarisch-gebrochen, ‚fraktal‘ bleibendes Geschehen, das zur Verwirklichung unsere eigene Leiblichkeit in Aspruch und in Dienst nimmt.

Die von Eckhart David Schmidt vorgelegte werkhistorische Analyse des Schubertschen Oratoriums ‚Lazarus, oder die Feyer der Auferstehung‘ wagt das kritische Gespräch von neutestamentlicher Überlieferung, neuzeitlich-dramatischer Umsetzung des biblischen Stoffes durch den Dramatiker August Hermann Niemeyer und (unvollendet gebliebener) musikalischer Durchführung durch Franz Schubert. Damit setzt er die biblische Überlieferung und ihre persönliche Aneignung in einen Spannungsbogen von Bekenntnis, persönlichem Nachvollzug und auf je eigene Weise konturierter, künstlerischer Adaptierung. Die unaufgebbare christologische Mitte der biblischen Lazarus-Erzählung und ihres theologischen Themas ‚Auferstehung‘ bleiben dabei das wider jede Anfechtung festgehaltene Zentrum und lassen dennoch jene ‚metaphysische Heimatlosigkeit‘ der Moderne bereits erahnen, die sich in Schuberts Komposition am Zweifel an einer persönlichen Auferstehungshoffnung festmacht. Das künstlerische Genie lässt sich dennoch zugleich in den Dienst nehmen, um eine dramatischemotionale Aktualisierung des biblischen Stoffes wie seiner gläubigen Aneignung zu gewährleisten.

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