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Editorial
Matthias Möhring-Hesse
Mit „Ultramontanismus“ bezeichnet man eine Haltung in der deutschen Kirche und in dem darüber hinausgehenden Katholizismus, sich auf Lehre und Vorgaben des Papstes und seiner Kurie, von Deutschland aus gesehen also von jenseits der Alpen und somit „jenseits der Berge“ (lateinisch: ultra montes) zu stützen. So etwas gab es im 19. und 20. Jahrhundert – und gilt als eine vergangene Phase der deutschen Kirche. Längst schon wird auch in der deutschen Kirche selbst gedacht und gehandelt – und für die Deutschen unter den Präfekten der römischen Glaubenskongregation inzwischen viel zu selbständig.

Von „jenseits der Berge“ her schallt nun eine neue Botschaft. Papst Franziskus kritisiert – seit seinem Regierungsrundschreiben Evangelii gaudium (2013) – die „übertriebene Zentralisierung der Kirche“ (EG 32) und sieht die „Notwendigkeit, in einer heilsamen ‚Dezentralisierung‘ voranzuschreiten“ (EG 16). Von „jenseits der Berge“ heißt es also, die Kirche solle mehr in die Hände der Glaubenden vor Ort genommen und weniger vom Vatikan aus gesteuert werden. Diese Botschaft weckt diesseits der Berge, weckt bei Glaubenden und bei Kirchenleuten, weckt auch bei Theologinnen und Theologen die Hoffnung, in eigener Verantwortung theologische und kirchliche Ungereimtheiten ausgleichen zu können. Es besteht die Hoffnung, dass die Kirche in Deutschland und in Europa in Lehre und Pastoral den Erwartungen der dort lebenden Glaubenden besser entsprechen und den pastoralen Erfordernissen besser genügen kann.

Adressat dieser Hoffnung sind aber nicht die einzelnen Diözesen in Deutschland. Dass sich die Kirche in Theologie und Pastoral endlich mehr bewegt, diese Hoffnung richtet sich an die regionale Kirche in Deutschland, wie sie nicht nur, wie sie aber auch in der Deutschen Bischofskonferenz institutionell fassbar ist. Was so lange Zeit von Rom nicht erfüllt wurde und was über eine lange Zeit hinweg von den deutschen Bischöfen mit Hinweis auf römische Restriktionen nicht erfüllt werden konnte, das soll jetzt auf den Weg gebracht werden. Und zwar jetzt, bevor sich das von Papst Franziskus geöffnete Zeitfenster der „heilsamen Dezentralisierung“ wieder schließt.

In seinem Beitrag überblickt Joachim Schmiedl die Geschichte der Deutschen Bischofskonferenz seit dem ersten Treffen deutscher Bischöfe zum Emser Kongress von 1786 über die offizielle Gründung der Deutschen Bischofskonferenz 1965 bis zur „Würzburger Synode“. Über die lange Zeit hinweg macht Schmiedl zwar eine Zunahme von Organisation und Institutionen aus. Gleichwohl war die Bischofskonferenz nur in wenigen Fällen ein wirksamer Akteur einer kollegialen und gemeinsamen Kirchenleitung. Immerhin: Die „Würzburger Synode“ war ein seltener Moment, in dem die deutschen Bischöfe trotz Meinungsverschiedenheiten kollegial und aus der Synode heraus ihre Ortskirche(n) gemeinsam geleitet haben. Insgesamt vermittelt der Bericht, dass die Deutsche Bischofskonferenz in ihrer bisherigen Geschichte eher Ausdruck der „übertriebenen Zentralisierung“ der Kirche als ein Vorbild für deren „heilsame Dezentralisierung“ ist.

Was eine „heilsame Dezentralisierung“ für die Kurie, also die Verwaltung der Universalkirche im Vatikan, bedeutet, fragt Bernd Jochen Hilberath und konzipiert sie – auf Grundlage der Ekklesiologie des II. Vaticanums – als Dienst nicht nur für den Papst, sondern zugleich auch für den Episkopat. Damit eine Kurie im Dienst des Episkopats überhaupt denkbar ist, muss dieser, müssen also die Bischöfe auf weltkirchlicher Ebene adäquat vorkommen und für die Verwaltung der Universalkirche bestimmend werden. Deswegen plädiert Hilberath für einen „obersten Senat“ der Ortskirchen beim Vatikan.

Aus ihren Erfahrungen mit dem Dialogprozess in der bundesdeutschen Kirche heraus plädiert Claudia Lücking-Michel, Vizepräsidentin des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, dafür, das Zeitfenster für ein Mehr an Synodalität in der deutschen Kirche zu nutzen. Dabei geht es nicht mehr nur um Dialog oder – wie es dann im Dialogprozess nur noch hieß – um Gespräche mit den Laien. Sie plädiert für deren echte Partizipation an der Kirche und an ihrer Leitung. Als Weg dahin diskutiert Lücking die Möglichkeit einer nationalen Synode nach dem Vorbild der „Würzburger Synode“ sowie die Aufwertung der „Gemeinsamen Konferenz“ von Deutscher Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

In seinem Beitrag fragt Peter Hünermann, warum die von Papst Franziskus wieder entdeckte Synodalität der Kirche auf ortskirchlicher und auf nationaler Ebene, warum sie gerade auch in den bundesdeutschen Diözesen und in Deutschland bislang nur wenig realisiert wurde. Zwei Ursachen hebt er hervor: Durch die bestehende römische Kirchenordnung werden Nationalsynoden nicht unterstützt; auch wird die Kollegialität von Bischöfen auf regionaler und nationaler Ebene nicht vorgesehen. Zudem orientieren sich die Bischöfe immer noch am „souveränen Fürstbischof“ längst vergangener Zeiten. Demgegenüber sind, so fordert Hünermann, auch in Deutschland Schritte in Richtung einer synodalen Kirche zu gehen – und dies ausdrücklich mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

Aus kirchenrechtlicher Sicht kann Bernhard Anuth den Befund von Hünermann bestätigen. Gemeinhin werden die zumeist nationalen Bischofskonferenzen „zwischen“ Universalkirche und Ortskirchen verortet. Dieses „zwischen“ kann aber, so Anuth, die Rechtsstellung der Bischofskonferenzen nicht präzise fassen, da ihnen dafür Macht und Kompetenz gegenüber der Universalkirche und den Ortskirchen fehlen. Kirchenrechtlich gesehen ist die von Papst Franziskus angekündigte „heilsame Dezentralisierung“ nur zu haben, wenn dieses „zwischen“ auf Kosten der Macht der Diözesanbischöfe und durch Verzicht auf primatiale Gewalt geschaffen und in eine rechtliche Form gebracht wird.

Aus den Erfahrungen der lateinamerikanischen Kirche und mit Verweis auf das II. Vaticanum entfaltet Carlos Maria Galli die Synodalität der Kirche aus einem Ethos des Gottesvolkes – und diese erstens als Mitverantwortung der Christgläubigen im Volk Gottes, zweitens als Kooperation der Priester mit ihrem Bischof im Diözesan-Presbyterium und drittens als Kollegialität der Bischöfe im Bischofs-Kollegium. Papst Franziskus kann sich in seiner Ekklesiologie auf gute lateinamerikanische Erfahrungen stützen – und auf dieser Grundlage eine synodale Kirche weltweit denken. „Nur eine Dynamik des Austauschs wird die Asymmetrien zwischen dem Norden und dem Süden überwinden können und die kulturellen Züge pflegen, die dem Gesicht der Catholica seine Schönheit verleihen.“

Insgesamt bestätigen die Beiträge die von Papst Franziskus versprochene „heilsame Dezentralisierung“; sie zeigen nämlich, dass durch Dezentralisierung und durch ein Mehr an Synodalität offene Wunden der Kirche geschlossen werden können und der Kirche zu neuem Schwung verholfen werden kann. Zugleich machen die Beiträge nicht allzu große Hoffnungen für Entwicklungen in diese Richtung – und dies nicht nur deshalb, weil den starken Ankündigung von „jenseits der Berge“ bislang noch nichts Handfestes, vor allem noch keine kirchenrechtliche Neuordnung gefolgt ist. Sondern auch, weil aus der deutschen Kirche heraus, weil vor allem von der Deutschen Bischofskonferenz her nur wenig Mut und noch weniger Phantasie zu spüren ist, die „heilsame Dezentralisierung“ von unten her zu betreiben. Man erwartet offenbar in Deutschland die „heilsame Dezentralisierung“ von „jenseits der Berge“, ähnlich wie im Herbst des vergangenen Jahres die römische Bischofssynode den Papst um eine primatiale Entscheidung gebeten hat, obgleich dieser diese Synode mit einem emphatischen Bekenntnis zu einer synodalen Kirche eröffnet hatte.

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