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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/thq.2022.3.328–347
Edeltraud Gaus / Simone Hiller / Julia Hofmann / Berenike Jochim-Buhl
Embodiment bei Ezechiel
Das Alte Testament als Lernort für körpersensibles Handeln der Religionslehrperson
Zusammenfassung
Ausgehend vom ‚corporeal‘ bzw. ‚body turn‘ stellt dieser theologisch-interdisziplinäre Beitrag aus Exegese des Alten Testaments und Religionsdidaktik die Ansätze von ‚Embodiment‘ und ‚Doing‘ ins Zentrum. Er zeigt am Beispiel der Berufung des Propheten Ezechiel, wie entscheidend der Körper bzw. das Handeln am sowie durch den Körper für die Ausführung einer Rolle oder einer Aufgabe sein kann, und lenkt ausgehend davon den Fokus auf körperliches Handeln der Religionslehrperson im Unterricht.

Abstract
Starting from the ‘corporeal’ or ‘body turn’, this theologically interdisciplinary contribution from exegesis of the Old Testament and religious didactics focuses on the approaches of ‘embodiment’ and ‘doing’. Using the example of the calling of the prophet Ezekiel, it shows how decisive the body or action on and through the body can be for the execution of a role and task. Based on this, the contribution directs the focus on the physical action of the teacher for religious education in the classroom.

Schlüsselwörter/Keywords
Embodiment; Doing; Körper; Prophet; Ezechiel; Ez 1,1–5,17; Religionsunterricht; Religionsdidaktik;
Religionslehrperson
Embodiment; doing; body; Prophet; Ezekiel; Ez 1:1–5:17; religious education; didactics of religion; teacher

„Foto hier, Foto da, fake Smiles, Kamera“, rappt Badmómzjay in „Tu nicht so“.1 Mit flammend roten Haaren und ohne klassische Modelmaße ist sie die erste Rap-Künstlerin auf einem deutschen Vogue-Cover – nicht umsonst einer Ausgabe zum Thema ‚Haltung‘.2 Die junge Frau, die es gewohnt ist, dass jeder Look, jede Pose, jeder Post in den social media kommentiert und bewertet wird, steht bewusst provokant und authentisch mit ihren Rap-Texten, aber auch mit ihrem Körper, für Toleranz, Akzeptanz, Vielfalt und Empowerment ein. „Mode ist“, für sie, so sagt sie, „Kommunikation“.3

Körper hat Konjunktur. Er wird durch Sport oder gezielte Ernährung gestaltet, zuweilen mit Schönheits-OPs geformt und je nach entsprechenden Kosmetiktrends durch Hairstyles, Maniküre oder Tatoos inszeniert. An der Art und Weise, wie Körper auf vielfältige Weise präsentiert, medial gefiltert und modisch gestaltet werden, lassen sich gesellschaftliche Praktiken erkennen und die Bedeutung des Körpers für die Vermittlung einer Denkweise oder eines bestimmten Lebensgefühls erfassen – Badmómzjays Präsenz auf dem Vogue-Cover ist hierfür ein Praxisbeispiel. So kann gegenwärtig von einem „corporeal (oder body) turn“4 der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften gesprochen werden. Diese nehmen den Körper nicht nur in seiner Funktion als Beheimatung des Geistes, sondern den Körper selbst ebenfalls als Erkenntnisinstrument, und damit Körper und Geist als Einheit wahr. Eine solche Perspektive prägt auch das Sprechen von Körpern im Alten Testament. Aus dieser (Körper-)Perspektive nimmt der Beitrag die Religionslehrperson in den Blick. Er folgt ausgehend von einer auf Embodiment und an (körperlichen) Praktiken ausgerichteten Perspektive des Doing der Annahme, dass die körperliche Präsenz der Lehrperson und ihr konkretes Tun auf der körperlichen Ebene nicht einfach Ausdruck des Bewusstseins und diesem nachgelagert sind, sondern Denken und Handeln von einem körperlich-psychischen Zusammenspiel ausgehen. Der Körper der Lehrperson hat damit eine wichtige Bedeutung bei der Initiierung und Gestaltung von religiösen Lehr- und Lernprozessen. Deshalb, so die These des Beitrags, sollte die körperliche Dimension des Lehrens in der Ausbildung von Religionslehrer:innen, aber auch grundsätzlich in deren Praxis einen höheren Stellenwert haben. Bislang spielt die Körperlichkeit der Religion lehrenden Person in der Religionsdidaktik eine marginale Rolle. 5 Wir sehen sie daher als eine bislang vernachlässigte Ressource für religiöse Lehrund Lernprozesse an. Denn das körperliche Agieren der Lehrperson betrifft die Ebenen der Selbstwahrnehmung, des Auftretens und der körperlichen Kommunikation, die handlungsleitend sind und im Blick auf Professionalisierungsprozesse verschiedene Kompetenzen und Haltungen umfassen.6

Die vorliegende interdisziplinäre Perspektive – gespeist aus Religionspädagogik und Exegese des Alten Testaments – möchte die Bedeutung von Körperlichkeit im Auftreten von Religionslehrer:innen in religiösen Lehr-Lernprozessen herausarbeiten. Auf Basis der Erkenntnisse der Embodiment- und Doing-Ansätze (1), wird das Buch Ezechiel exemplarisch als Erkenntnisort herangezogen, um zu verdeutlichen, wie der Einbezug des Körpers für die Ausführung einer Rolle und Aufgabe entscheidend sein kann (2). Dabei gilt es zu beachten, dass hier keine Analogie zwischen dem Körper der Propheten und der Körperlichkeit von Religionslehrer:innen angenommen wird. Die für Bildung gewinnbringende Embodiment-Perspektive ist alttestamentlichen Prophet:innen-Texten inhärent. Die gewonnenen Erkenntnisse zum Handeln am und durch Prophet:innen-Körper wollen zur Reflexion für das Handeln als Lehrperson anregen. Zudem sollen ausgehend von der so geschärften Sensibilität für körperliche Kommunikation, und damit der Bedeutung der Körperlichkeit von Religionslehrer: innen, als Synthese religionsdidaktische Impulse formuliert werden (3) und abschließend konkrete Praxisvorschläge für körpersensibles Handeln von Lehrpersonen im Religionsunterricht skizziert werden (4).



Anmerkungen

1 | Video zum Rap-Song: badmómzjay, Tu nicht so (prod. by Jumpa), <https://www.youtube.com/watch?v=N8ovqOXnAt4> (aufgerufen am 27.06.2022). In diesem Video macht Badmómzjay in ihren eigenen Worten „mal so richtig auf Tussi“ und inszeniert sich in einer „Beverly-Hills-Villa“ inmitten von Luxus und Statussymbolen wie Designer-Mode, Champagner und Pool-Landschaft. Ironischerweise liest sie hier die Vogue, auf deren Cover sie ein Jahr später zu sehen sein wird. Ihre Rolle schminkt sie sich am Ende des Videos im wahrsten Sinne des Wortes ab, wenn sie – zurück im Jogginganzug – ihre Fake-Wimpern abzieht.
2 | Vgl. Lena Elster, Badmómzjay auf dem VOGUE-Cover: „Ich bin laut, ich habe viel zu sagen“, in: Vogue Germany. 02.04.2022, <https://www.vogue.de/lifestyle/artikel/badmomzjay-vogue-cover-interview> (aufgerufen am 27.06.2022).
3 | Ebd.: „Mode ist Kommunikation. Wenn ich Sonnenbrille und Kapuze trage, ist das nicht der Tag, an dem ich mit Leuten reden will.“
4 | Emmanuel Alloa/Thomas Bedorf/Christian Grüny/Tobias Nikolaus Klass, Leiblichkeit. Geschichte und Aktualität eines Konzepts, Tübingen 2012, 1.
5 | Elisabeth Naurath, Körper und Bewegung, in: Ulrich Kropač/Ulrich Riegel (Hg), Handbuch Religionsdidaktik, Stuttgart 2021, 413–419, hier: 413. Sarah Delling (Universität Siegen) arbeitet aktuell an einem Dissertationsprojekt zu (non-)verbaler Kommunikation im Religionsunterricht.
6 | Vgl. dazu die an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen entstandene Dissertation von
Edeltraud Gaus, Religion unterrichten als Haltung. Verständnis des professionellen Handelns der Religionslehrperson. [...]


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