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Aktuell zur Ausgabe 3/2021

Der Herausgeberkreis der ThQ hat mehrheitlich beschlossen, zwei angefragte Beiträge zum Frauenforum des Synodalen Weges für das Heft 3/2021 nicht aufzunehmen, nachdem der eine Beitrag von der Autorin Johanna Rahner zurückgezogen wurde. Sie sieht die gegenwärtige Diskussionslage um Frauen in durch Ordination übertragenen Ämtern als zu verfahren, als dass eine konstruktive theologische Debatte möglich wäre. Die Debatte wird darüber hinaus sehr stark personalisiert. Der Kreis der Herausgeber hat daraufhin auch den zweiten Beitrag, der von Helmut Hoping verfasst werden sollte, abgesagt. Beide Beiträge können in den Augen der Herausgeber als kontroverse Diskussionsbeiträge sinnvoller Weise nur zusammen oder eben gar nicht publiziert werden. Es wurde beschlossen, die Lücke stehen zu lassen und nicht durch Ersatzbeiträge aufzufüllen.


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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/thq.2021.1.53–71
Tamar A. Avraham
„Die Söhne werden zurückkehren in ihre Heimat“
Jüdische theologische Deutungen der israelischen Eroberung und Besiedlung des Westjordanlandes seit 1967
Am 7. Juni 1967, während des Sechstagekrieges, eroberte die israelische Armee die seit 1948 unter jordanischer Herrschaft stehende Jerusalemer Altstadt. Den Fallschirmspringern, die durch das Löwentor eindrangen und sich von dort zum Tempelberg wandten, schloss sich der Oberrabbiner der Armee Shlomo Goren an. Er hatte eine Thorarolle und ein Schofar (Widderhorn) bei sich und verlas an der Stelle, wo die beiden jüdischen Tempel standen und sich seit dem 7. Jarhundert der Felsendom, das drittwichtigste muslimische Heiligtum, befindet, einen Aufruf, in dem er die Eroberung Jerusalems und des Tempelbergs durch israelische Soldaten als Erfüllung messianischer Prophezeihungen interpetierte. Danach blies er den Schofar sowohl an der Westmauer (Klagemauer) als auch im Felsendom und läutete damit entsprechend Jes 27,13 den Anbruch der messianischen Zeit ein. Eine weitere messianisch aufgeladene Handlung vollzog er mit seinem Besuch an dem gerade eroberten Rachelsgrab am Eingang von Betlehem, wo es ihm gelang, den Kenotaph Rachels um Mitternacht, dem im Sohar, dem mystischen Tora-Kommentar, für die endzeitliche Erlösung des Grabes vorgesehenen Zeitpunkt, zu berühren und der Erzmutter zu verkünden, dass die Weissagung Jeremias wahr geworden sei: „So spricht der Herr: Eine Stimme wird in Rama [bzw.: auf der Höhe] gehört, bitteres Weinen wird; Rachel weint über ihre Söhne, weigert sich, sich über ihre Söhne trösten zu lassen, denn sie sind nicht mehr. So spricht der Herr: Hindere deine Stimme am Weinen und deine Augen am Vergießen von Tränen, denn es gibt einen Lohn für dein Tun, Spruch des Herrn: Sie werden aus Feindesland zurückkehren. Es gibt eine Hoffnung für dein Ende, Spruch des Herrn: Die Söhne werden zurückkehren in ihre Heimat“ (Jer 31,15–17).

1. Von der Hoffnung zur Erfüllung

Die Sehnsucht nach dem Anbruch des messianischen Zeitalters hat das Judentum über die Jahrhunderte begleitet. Sie fand ihren Ausdruck u. a. in einigen der Bitten des von den Rabbinen nach der Tempelzerstörung durch die Römer im Jahre 70 festgelegten Achtzehn-Bitten-Gebets, das dreimal am Tag gesprochen wird: „Stoße in das große Schofar zu unserer Befreiung, erhebe das Panier, unsere Verbannten zu sammeln, und sammle uns insgesamt von den vier Enden der Erde. […] Nach deiner Stadt Jeruschalaim kehre in Erbarmen zurück, wohne in ihr, wie du gesprochen, erbaue sie bald in unseren Tagen als ewigen Bau, und Davids Thron gründe schnell in ihr […] bringe den Dienst wieder in das Heiligtum deines Hauses […] Und unsere Augen mögen schauen, wenn du nach Zion zurückkehrst in Erbarmen […].“

Aber dies war eine auf göttliches Eingreifen ausgerichtete Hoffnung. Die Rabbinen schoben menschlichen Versuchen, den Anbruch der messianischen Zeit zu beschleunigen, einen Riegel vor, der seinen prägnanten Ausdruck in der talmudischen Interpretation des dreimal im Hohenlied wiederkehrenden Verses: „Ich beschwöre euch, Jerusalems Töchter, was stört ihr, was weckt ihr die Liebe auf, ehe ihr selbst es gefällt“ (Hld 2,7; 3,5; 8,4) findet. Bis es Gott selbst gefallen wird zu handeln, gelten „drei Eide“:

„Welche drei Eide? Einer, dass Israel nicht die Mauer hinaufsteigen wird [d. h. nicht in Massen in das Land Israel einwandern wird; T.A.]; einer, dass der Heilige, gepriesen sei er, Israel den Eid abgenommen hat, dass es nicht gegen die Völker der Welt rebellieren wird; einer, dass der Heilige, gepriesen sei er, den Völkern der Welt den Eid abgenommen hat, dass sie Israel nicht zu sehr unterdrücken werden.“

Als die säkulare zionistische Bewegung es ab Ende des 19. Jarhunderts selbst in die Hand nahm, die Masseneinwanderung von Juden in das Land Israel zu organisieren und auf die Gründung eines jüdischen Staates dort hinzuarbeiten, wurde dies von der Mehrheit der orthodoxen Juden zunächst als Bruch der beiden ersten Eide gesehen. Es bedurfte eines theologischen Umdenkens, um den Zionismus religiös akzeptabel zu machen. Die wohl entscheidende Rolle spielte dabei R. Avraham Jitzchak HaCohen Kook (1865–1935), der 1904, noch unter osmanischer Herrschaft, zum Rabbiner von Jaffa und den zionistischen Neuansiedlungen und 1921 zum ersten aschkenasischen Oberrabbiner Mandatspalästinas ernannt wurde. Er betonte, dass die Niederlassung im Land Israel die Erfüllung eines göttlichen Gebotes ist, authentisches jüdisches Leben nur in dem von Gott verheißenen Land möglich ist und daher die nicht-religiösen Zionisten, ohne sich dessen bewusst zu sein, im Dienste des göttlichen Heilsplanes handeln. Dazu kam, dass die Balfour-Erklärung, mit der die britische Regierung 1917 dem Bemühen um die Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina ihre Unterstützung zusicherte und die in den Mandatsbrief für Palästina aufgenommen wurde, als ein Ende der Verpflichtung auf die Eide gesehen wurde, da die Völker der Welt selbst der Rückkehr des jüdischen Volkes in seine Heimat zugestimmt hatten. So konnten religiöse Zionisten der Gründung des Staates Israel 1948 eine heilsgeschichtliche Dimension geben und im Gebet für den Staat Israel im Schabbat-Morgengebet diesen als „Beginn des Wachsens unserer Erlösung“ bezeichnen. Ihre konkrete Politik blieb dennoch von pragmatischen Erwägungen und der Verpflichtung auf demokratische und universelle Werte geprägt.

Der akute Messianismus, wie er sich bei Rabbiner Shlomo Goren zeigte, brach sich erst mit dem Sechstagekrieg Bahn. Dabei spielten zwei Aspekte eine wesentliche Rolle: Zum Einen schlug eine monatelange Angst vor einer möglichen Vernichtung des Staates Israel durch die feindlichen Nachbarstaaten angesichts des schnellen Sieges und der weitreichenden Eroberungen im Westjordanland, dem Gaza-Streifen, der Sinai-Halbinsel und auf den Golan-Höhen in eine siegestrunkene Euphorie um. Darüber hinaus brachte erst die Eroberung des Westjordanlandes zentrale biblische Stätten wie Hebron, Sichem (Nablus), Bet-El, Jericho, Betlehem und vor allem das historische Jerusalem unter israelische Herrschaft. Zvi Jehuda HaCohen Kook (1891–1982), der einzige Sohn Avraham Jitzchak Kooks, hatte in seiner Rede zum 19. Unabhängigkeitstag Israels im Mai 1967 zum Ausdruck gebracht, dass das Wesentliche noch fehlte:
„Wo ist unser Hebron – werden wir es vergessen?! Und wo ist unser Sichem, unser Jericho, wo – werden wir sie vergessen?! Und das ganze Transjordanien – unser ist es, jeder einzelne Erdklumpen, jede Einheit von vier Ellen, jeder Streifen Land und jedes Stück Erde, die zum Land des Herrn gehören – liegt es in unserer Hand, auch nur auf einen Millimeter von ihnen zu verzichten?!“
[...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.

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