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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/thq.2016.1.107-126
Michael Theobald
Weder Magd noch Hofnarr
Vom unverzichtbaren Dienst katholischer Exegese des Neuen Testaments
Zusammenfassung
Wer wissenschaftliche Exegese des Neuen Testaments im Kontext der katholischen Kirche betreibt, wird sich angesichts der leidvollen Biographien vieler Vertreter seines Faches in der Zeit vor dem 2. Vatikanischen Konzil fragen, welche Relevanz die Forschung für seine Kirche heute besitzt. Früher versuchte das kirchliche Amt, die Exegese auf den Dienst einer Magd herabzustufen, die das philologische Wissen für eine von ihr selbst nicht mehr zu verantwortende theologische Auslegung der Texte bereitstellen sollte. Heute sehen sich viele Vertreterinnen und Vertreter des Faches in der Rolle von Hofnarren, die zwar die Freiheit des Wortes genießen, aber, wenn es darauf ankommt, zu schweigen haben. Die Vorlesung fragt nach dem unverzichtbaren Dienst einer sich ökumenisch verstehenden Exegese des Neuen Testaments für die Kirche und zeigt an ihrem wichtigsten Gegenstand, der Jesusforschung, inwiefern gerade die historisch-kritische Arbeit an den Texten theologische Relevanz besitzt.

Abstract
What relevance do New Testament Studies have for the Catholic Church today? – This question is raised by anyone who studies the New Testament in a professional, academic way and who remembers the depressing biographies of exegetes in pre-Vatican II times. Church authorities used to try to downgrade exegesis to the level of a handmaid who had to provide the philological knowledge for a theological interpretation of the texts for which it was no longer responsible. Today many exegetes find themselves in the position of court jesters who enjoy their freedom of speech, but who have to fall silent as soon as the situation becomes tense or decisive. The lecture probes the indispensable service ecumenically inspired exegesis of the New Testament renders to the Church. With reference to the most important subject of exegesis, the Jesus research, it shows how the historical-critical analysis of the texts, in particular, has theological relevance.

Schlüsselwörter – Keywords
Exegesegeschichte; historisch-kritische Exegese; Jesus-Forschung; Königsherrschaft Gottes; Passionserzählung; Ambivalenz; Ekklesiologie
history of exegesis; biblical criticism; Jesus research; kingdom of God; Passion narrative; ambivalence; ecclesiology

Was heißt es, wissenschaftliche Exegese des Neuen Testaments an einer Universität zu betreiben? Was heißt es, sich der Auslegung der maßgeblichen Ur-Kunde unserer Kirchen zu verschreiben – was mich betrifft – im katholischen Kontext? Was heißt es, sich auf den Ursprung des christlichen Glaubens zu besinnen, im Wissen darum, dass das Zeitalter der Konfessionalisierung des Christentums mit seinen Verwerfungen vorbei ist und unsere Kirchen spätestens in zwanzig Jahren hierzulande nicht mehr das sein werden, was sie heute noch institutionell zu sein vorgeben? Vor allem: Was heißt es, an Jesus von Nazaret, die Mitte des Neuen Testaments, zu erinnern, in einer Welt, die immer wieder aus den Fugen gerät?

Wenn mir solche Fragen in den Tagen des Abschieds durch den Kopf gehen, denke ich auch an meine exegetischen Väter und vergegenwärtige mir die jüngere Geschichte meines Fachs. Mein Lehrer Heinrich Zimmermann (1915–1980) in Bonn, wo ich 1967 zwei Jahre nach Konzilsende in einer Zeit des Aufbruchs mein Theologiestudium begann, hatte gerade seine „Neutestamentliche Methodenlehre“ herausgebracht, in der er – beeindruckt von Rudolf Bultmanns „Geschichte der synoptischen Tradition“ – die Vielfalt der neutestamentlichen Gattungen und Sprachformen ausbreitete, ganz im Sinne des Konzils, das lehrt, den Textsinn unter Beachtung der zeitgenössischen Denkund Sprechweisen zu erheben (DV 12,4). Aber er scheute sich, die erstaunliche Kreativität der frühen Gemeinden im Umgang mit der Jesus-Überlieferung, auch deren Brüche und Diskontinuitäten beim Namen zu nennen. Sein Lehrer Heinrich Joseph Vogels (1880–1972) war eines der vielen gebrannten Kinder, die Angst hatten, die heißen Eisen der neutestamentlichen Forschung öffentlich anzufassen. Weil er die von Papst Leo XIII. den Exegeten zugewiesene Rolle der Magd nicht spielen mochte, kirchlichdogmatische Entscheide nachträglich mit Argumenten zu unterfüttern, wich er aus und wurde zu einem international anerkannten Fachmann für die Geschichte des neutestamentlichen Textes. Karl-Hermann Schelkle (1908–1988), Vorvorgänger auf meinem Tübinger Lehrstuhl, studierte bei ihm in Bonn. Als Schelkles Dissertation zu den Passionsüberlieferungen von der hiesigen Fakultät 1940 wegen ihrer angeblich fragwürdigen formgeschichtlichen Methodik verhindert wurde – Stephan Lösch aus der Fakultät bemerkte spöttisch, Schelkle habe eine „sündige Liebe“ zum Protestanten Rudolf Bultmann –, nahm ihn Heinrich Joseph Vogels in Bonn auf. „Als Student habe ich in Ihrem Hörsaal und Ihrem Seminar zu ahnen begonnen, was Auslegung ist“, schreibt ihm Schelkle am 18. März 1950 und setzt ein wenig pathetisch hinzu: „Und ich habe etwas gelernt, was wohl sehr kostbar ist: dass ein Neutestamentler niemals die Unwahrheit sagen darf!“ [...]


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