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Editorial
Ottmar Fuchs / Michael Theobald
In der Sozialarbeit versteht man unter „antizipatorischer Sozialisation“ das präventive, zuvorkommende Lernen mit dem Ziel, künftige Krisensituationen durch entsprechende vorgängige Reaktionsbereitschaften besser bestehen zu können. Antizipatorische Sozialisation kann man als vorwegnehmende Inszenierung von Bearbeitungsmöglichkeiten und Anschubhilfen für künftige Ernstfälle betrachten. Es handelt sich dabei also um die Gestaltung der Begegnung mit einer vorweggenommenen Krise. Die christliche Eschatologie hat analoge Prozeduren. In Mt 25,31–26 werden die künftigen Gerichtsverhandlungen des kommenden Christus durch seine jetzige Gegenwart in den von Not und Ungerechtigkeit betroffenen Menschen mit dem Handeln der Menschen verbunden. Dies ist keine metaphorische Aussage, sondern eine realpräsentische und fundamental-eschatologische Verbindung von Christologie und Diakonie. Diese Verbindung reicht in das Gericht selber hinein und findet dort ihre Vollendung, insofern Christi Diakonie nie aufhört und sich auch auf die endgültige Versöhnung und Rettung der SünderInnen im Horizont einer unvorstellbaren unendlichen Liebe bezieht, in der unbegrenzte Reue möglich sein wird.

Die christliche Buße bewegt sich in der gleichen Dynamik. Sie steht unter dem künftigen Gericht und holt dessen kritische und rettende Perspektive in das jetzige Leben. Gerade weil sich die scharfe Kritik ohne Liebesentzug des Richters ereignet, kann es zu einer Versöhnung kommen, die schmerzt und zugleich Kraft gibt, Wege der Sühne und Wiedergutmachung zu gehen.

Gott steht im Menschensohn nicht mit dem Rücken zur Geschichte und unseren Geschichten, sondern, wie Paul Klees „Angelus Novus“, als Engel der Geschichte (bei Walter Benjamin in der Mitte seiner Geschichtsthesen) mit dem erschrockenen Gesicht zum Trümmerfeld der Geschichte und ständig durch die Geschichte vorwärtsgeschleudert bis in das Endzeitgeschehen hinein. Im Gericht wird der Sturm der Geschichte abgestellt, der den Engel daran hindert, das Notwendige zu tun, nämlich zu retten. Der Engel der Geschichte beginnt nun die Zeit des großen Aufsammelns der Trümmer, die er mit dem Blick gegen den Sturm alle gesehen und genau gemerkt hat. Nun beginnt so etwas wie ein neuer Sturm, gegenläufig zu dem der Geschichte: Der Engel der Geschichte jagt nun in entgegengesetzter Richtung durch die Geschichte hindurch bis an ihren Anfang und wird nichts, aber auch gar nichts vergessend alles einsammeln.

Das ist der messianische, der eschatologische Tag, der an allen Stellen in der Vergangenheit verweilt, die Toten erweckt und das Zerschlagene zusammenfügt. Wo Menschen jetzt schon die Umkehr zu dieser Sicht der Geschichte wagen, mag es ihnen gelingen, im Sturm der Geschichte im Vorgriff auf das Jüngste Gericht bereits jetzt Trümmer zu sehen und zusammenzufügen, Menschen zu retten und zu versöhnen. Geschieht derart Umkehr, dann ist Benjamins Diktum erfahrbar: „Der jüngste Tag ist eine rückwärtsgewandte Gegenwart.“ Dabei geht es darum, den alten Begriff der Ars moriendi, der Kunst des Sterbens, wieder zu Gunsten der Ars vivendi, der Kunst des Lebens, mit Bedeutung zu füllen, nämlich in der Fähigkeit, abschiedlich zu leben, nach dem großen Satz eines jüdischen Rabbis der Chassidim: „Bekehre dich einen Tag vor deinem Tod!“ Die Vorwegnahme des Todes und des Gerichts in das Leben vertieft das Leben.

Darin geht es nicht um „Entschuldigung“, sondern um Schuldaufdeckung und Schuldbekenntnis. Von der Pilgerfahrt des Papstes Johannes Paul II. in das Heilige Land und nach Jerusalem hat vor allem dieses eine Bild tiefen Eindruck hinterlassen: Der Papst steht allein vor der Klagemauer und legt einen Zettel – wie Millionen vor ihm – in eine Ritze zwischen den Steinen, ein Blatt Papier, auf dem steht: „Wir sind tief traurig über das Verhalten all jener, die im Laufe der Geschichte diesen Deinen Kindern Leid zugefügt haben, und wir bitten um Vergebung. Wir möchten uns zu wirklicher Brüderlichkeit mit dem Volk des Bundes bekennen.“

Dies ist ein symbolischer Akt für die Verdiesseitigung des künftigen Gerichts, um von daher das Verhalten von Kirche und ChristInnen in der Geschichte der Menschheit unbedingt und intensiv auszurichten an der Solidarität mit den Leidenden und an der Barmherzigkeit Gottes.

Die in diesem Themenheft veröffentlichten Beiträge begeben sich aus unterschiedlichen Fachrichtungen und Fragestellungen heraus auf den Weg, die christliche Buße in ihrer Kraft schenkenden Dynamik von Kritik, Versöhnung und Wiedergutmachung zu erschließen. Die Herausgeber verbinden damit die Hoffnung auf eine Pastoral, in der möglichst viele Menschen ihre Sehnsucht nach Schuldklärung, Gnade und neuem Leben mit christlichen Bußmöglichkeiten in Verbindung bringen können.

Tübingen, im August 2014

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