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Aktuell zur Ausgabe 3/2021

Der Herausgeberkreis der ThQ hat mehrheitlich beschlossen, zwei angefragte Beiträge zum Frauenforum des Synodalen Weges für das Heft 3/2021 nicht aufzunehmen, nachdem der eine Beitrag von der Autorin Johanna Rahner zurückgezogen wurde. Sie sieht die gegenwärtige Diskussionslage um Frauen in durch Ordination übertragenen Ämtern als zu verfahren, als dass eine konstruktive theologische Debatte möglich wäre. Die Debatte wird darüber hinaus sehr stark personalisiert. Der Kreis der Herausgeber hat daraufhin auch den zweiten Beitrag, der von Helmut Hoping verfasst werden sollte, abgesagt. Beide Beiträge können in den Augen der Herausgeber als kontroverse Diskussionsbeiträge sinnvoller Weise nur zusammen oder eben gar nicht publiziert werden. Es wurde beschlossen, die Lücke stehen zu lassen und nicht durch Ersatzbeiträge aufzufüllen.


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Leseprobe 2
Tzvia Koren-Loeb
Die Bedeutung der Bibel für die israelische Identität

1. Einleitung

Die Bibel ist der größte Bestseller in der Welt. Wenn man das Wort »Bibel« in die Suchmaschine Google eingibt, findet man ca. 17 Millionen Websites. In der Bibel kann man alles finden: Kriege, Liebe, Glauben, Heiligkeit, Beziehungen, Natur, Poesie, Literatur usw. Die Bibel bezieht sich insbesondere auf die Grundfragen der menschlichen Existenz.

Dass die Bibel sich fundamental und primär auf die Probleme der menschlichen Existenz bezieht, und versucht, die Perspektiven verschiedener Kulturen und Mentalitäten zu integrieren, macht aus ihr ein unverzichtbares Buch.

Die Bibel ist der älteste Text, der mit der Identität des jüdischen Volkes verbunden ist. Große Philosophen des 19. Jh.s, wie Nachman Krochmal (1785–1840), Hermann Cohen (1842–1918), Franz Rosenzweig (1886–1929) und Martin Buber (1878–1965), haben in ihrem Philosophieren immer die Bibel als erste Quelle für ihre Argumente vor Augen gehabt und die Ideen der Bibel dadurch weiterentwickelt.

Dennoch nimmt das Interesse an der Bibel im heutigen Israel stetig ab. Dies wurde schon in den 1960er Jahren durch Jacob (Coos) Schoneveld wahrgenommen und vor ca. drei Jahren von der israelischen Historikerin Anita Shapira von neuem thematisiert. Die Thesen Schonevelds und Shapiras, welche Bedeutung der Bibel für die nationale Identität Israels zukommt, sollen im Folgenden erläutert werden. Abschließend werde ich meine eigene Einschätzung als israelische Judaistin vorstellen.


2. Jacob Schoneveld: Die Hebräische Bibel in der israelischen Erziehung und Bibelpädagogik in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts

Der niederländische protestantische Theologe Dr. Jacob (Coos) Schoneveld lebte in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts mit seiner Familie in Israel. Von 1967 bis 1980 war er theologischer Berater der niederländisch-reformierten Kirche in Jerusalem. Von 1980 bis 1996 wirkte er als Generalsekretär des Internationalen Rates der Christen und Juden im Martin-Buber-Haus in Heppenheim (Deutschland). 1997 kehrte er nach Jerusalem zurück und arbeitete am Harry S. Truman Institute for the Advancement of Peace an der Hebräischen Universität in Jerusalem und am Tantur Institute for Ecumenical Studies.

Schoneveld warnte schon damals, dass die Vernachlässigung der Tradition die Grundlagen des jüdischen Staates zu erschüttern drohte. Er schlug vor, das Judentum solle eine theologische Systematik entwickeln. Er betrachtete die Bibel als gemeinsame Quelle für Juden und Christen, die dem modernen Menschen in seiner Welt zugänglich gemacht werden sollte.

In seinem Buch »Die Bibel in der israelischen Erziehung. Eine Studie über Zugänge zur Hebräischen Bibel und zum Bibelunterricht in der israelischen pädagogischen Literatur « bezieht sich Schoneveld auf die Rolle der Bibel in der israelischen Erziehung in den 1960er und 1970er Jahren. Er behauptet, in dieser Zeit habe in Israel in allen Kreisen ein reges Interesse an der Bibel geherrscht. Die Bibel war für Israel Geschichts- und Erdkundebuch. Die Bibel war zum Identitätsmerkmal des jungen Staates Israel geworden und ihretwegen sprach man in Israel wieder Hebräisch. Es gab zu dieser Zeit überall in Israel Bibelkurse. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Bibel damals in allen Lehrplänen eine wichtige Rolle spielte.

Schoneveld gliedert seine Studie in drei Teile:

2.1 Ziele und Ausrichtung des israelischen Bibelunterrichts

Als Erstes behandelt Schoneveld die verschiedenen Formen jüdischer Bibelerziehung in der Diaspora am Anfang der zionistischen Bewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals stand die traditionelle Erziehung des Cheder im Vordergrund. Ein anderes Lernziel verfolgte die Haskalah (die jüdische Aufklärungsbewegung, 18. Jahrhundert), die eine Symbiose von praktischer Umwelterfahrung mit den Werten der jüdischen Tradition anstrebte. Gegen 1890 entwickelte sich besonders durch den Einfluss von Ahad Ha‘am (Ascher Zwi Ginsberg, 1856–1927) eine bedeutende Bewegung für eine Erziehung in einem jüdisch-nationalen Geist. Ziel dieser Bewegung war es, die hebräische Sprache nach der »natürlichen Methode«, d. h. in der hebräischen Sprache selbst, zu lehren. Diese Bewegung konzentrierte sich auf die nationale Wiedergeburt bzw. die Renaissance der hebräischen Sprache. Daher wurde das Cheder metukkan (das verbesserte Cheder) als eine weitere Form der jüdischen Bibelerziehung entwickelt.

Auf diesem Hintergrund betrachtet Schoneveld das Erziehungssystem Israels und seine Entwicklung vor der Staatsgründung. Er stellt fest, dass die Aufteilung in drei Hauptströmungen, den religiös-zionistischen, den allgemein-zionistischen und den sozialistisch-zionistischen (die unabhängige Kibbuzerziehung) Zweig, sich auch nach dem Jahr 1953 behauptet hat, in dem die drei Strömungen in zwei staatlich anerkannte überführt wurden: den religiösen und den allgemein-staatlichen Zweig. Auch Privatschulen, sogar mit staatlicher Unterstützung, wurden damals geduldet.

Schoneveld bezeichnet die Qualität der hebräischen Erziehung bei den Zionisten bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts als sehr niedrig: es gab weder eine Ordnung noch ein einheitliches Lehrsystem noch eine pädagogische Ausbildung der Lehrer. 1892 wurde von einer Gruppe von Lehrern ein Lehrsystem entwickelt. Schoneveld stellt hier die Debatte zwischen Ben-Zion Mossinson (1878–1942), dem bekannten ersten Bibel-Lehrer im Hebräischen Gymnasium in Jaffa (später Herzliya Gymnasium genannt), und Ahad Ha‘am, dem einfl ussreichen zionistischen Denker, vor. Mossinson und Ahad Ha‘am repräsentieren zwei gegensätzliche Anschauungen in der zionistischen Bewegung, gemeinsam ist ihnen aber die Rebellion gegen die jüdische Vergangenheit. Darüber hinaus beziehen sich beide Denker auf Tendenzen, die sich gegen die Halakhah (den gesetzlichen Teil der Überlieferung des Judentums) richten. Ben-Zion Mossinson stellt die Bibel als »Quelle für ein politisches, soziales und moralisches Leben der Hebräer in unserem Land« ins Zentrum der hebräischen Erziehung. Er versucht, die Bibel als eine Brücke zwischen den Kindern von Immigranten, die nach Erez Israel kamen, und ihren Urvätern, dem Volk Israel in diesem Land, zu nutzen. Ahad Ha‘am dagegen behauptet, es sei unmöglich, mehr als zwanzig Jahrhunderte der Geschichte zu überspringen und die Jugend dazu zu erziehen, dem antiken Judentum nachzueifern. Für Ahad Ha‘am war die Bibel keine Quelle der frühen israelitischen Geschichte, sondern ein Ausdruck des jüdischen »Volksgeistes«. Die Bibel war das nationale Buch des jüdischen Volkes.

Die Verwendung der Bibel in der Kibbuzbewegung war antireligiös geprägt und konzentrierte sich, Schoneveld zufolge, auf die nationalen Aspekte der Bibel. All diese Elemente dienten der sozialistischen Ideologie in der Weise, dass zur Erklärung der historischen Prozesse im Alten Israel der marxistischen Theorie der Vorrang zuerkannt wurde. Im Vergleich zur strengen marxistischen Einstellung war die Arbeiterbewegung allerdings pragmatischer. Die Arbeiterbewegung betonte die Einzigartigkeit des jüdischen Volkes und nannte als Ziel der Bibel-Erziehung die moralische Integrität.

[...]


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