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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/thq.2018.1.27-52
Hubert Wolf
Der „Vorhof zum Himmel“?
Zum 200-jährigen Jubiläum der Tübinger Katholisch-Theologischen Fakultät
3. Die Tübinger Schule: Konstrukteure und Konstrukte

Spürt man der Genese des kollektiven Gedächtnisses nach, ist zu bedenken, dass es sich bei dessen Entstehung nicht zuerst um einen bewusst gelenkten oder gar wissenschaftlichen Prozess handelt. Vielmehr geht es um die Schaffung von Identität für eine bestimmte Gruppe. Dabei verfährt das Gedächtnis „rekonstruktiv“. „Die Vergangenheit vermag sich in ihm nicht als solche zu bewahren. Sie wird fortwährend von den sich wandelnden Bezugsrahmen der fortschreitenden Gegenwart her reorganisiert.“ Dieser Vorgang ist für die Tübinger Schule bislang nicht in den Blick gekommen.

Erkennbar ist aber bereits, dass wie selbstverständlich geteilte Erfahrungen und Diskursräume sicherlich dazu beigetragen haben, die Behauptung einer Tübinger Schule plausibel erscheinen zu lassen. Um einer Antwort näher zu kommen, warum deren Existenz so tief im kollektiven Gedächtnis verankert ist, und vor allem in welcher Form, muss aber noch genauer nachgefragt werden. Wer sprach wann mit welcher Absicht von einer Tübinger Schule, wer wurde zu welchen Zeiten inkludiert, wer ausgeschlossen? Hier geht es auch um interessengeleitete, gezielte Konstruktionen der Tübinger Schule und daher, buchstäblich, um Definitionsmacht.

Die Frage nach der Tübinger Schule im kulturellen Gedächtnis lenkt damit den Blick auf die Konstruktion oder „Reformulierung“ von Tradition, die viel diskutierte „Invention of Tradition“, und insbesondere die Konstruktion von den „imagined communities“. Jan Assmann hat in seinem einschlägigen Standardwerk unter der sprechenden Überschrift „Gedächtnis versus Historie“ gezeigt, dass das kulturelle Gedächtnis zur „Ausblendung von Veränderung“ neigt und nur auf „Ähnlichkeiten und Kontinuitäten“ schaut, während die Geschichte „nur Differenzen und Diskontinuitäten“ wahrnehme. Aber das spricht nicht dagegen, das kulturelle Gedächtnis seinerseits zu historisieren.

Wendet man dieses Konzept auf den Streit um die katholische Tübinger Schule an, dann muss man sich vielleicht nicht länger zwischen Skylla und Charybdis entscheiden. Dann hat es diese Schule als inhaltlich und kirchenpolitisch einheitliche Ausrichtung der Tübinger Theologie nie gegeben und es gibt sie auch heute nicht. Doch auf der Ebene des kollektiven Gedächtnisses ist die Tübinger Schule sehr lebendig, weil die Tübinger Vergangenheit von vielen gerne bewohnt – und benutzt – wird. Diese imaginierte Tradition ist nicht weniger „wahr“ und vielleicht sogar wirkmächtiger als alle bisher in mühsamer historischer Arbeit präzisierten Fakten.

Der Begriff Tübinger Schule etablierte sich zur Bezeichnung inhaltlicher Traditionslinien zunächst für die evangelische Theologie. Es lag nahe, in Anlehnung daran auch von einer katholischen Tübinger Schule zu sprechen, zumal die katholischen Professoren der ersten Generation sich durchaus von den historisch-kritischen Methoden ihrer evangelischen Kollegen inspirieren ließen. Tatsächlich diente der Begriff zunächst aber einfach als Synonym für die Institution der Katholisch-Theologischen Fakultät. Bezeichnenderweise waren es dann jedoch vor allem Protestanten, die von einer katholischen Tübinger Schule im Sinne einer inhaltlich bestimmten Richtung schrieben. So unterschied beispielsweise der protestantische Theologe Heinrich Merz 1841 die Tübinger von der Hermesianischen und der Münchner Schule, wobei er die Tübinger der ersten Generation für ihren Anschluss an die protestantische Theologie lobte – sie damit aber auch ein wenig vereinnahmte und gegen andere katholische Strömungen ausspielte. Auch ein evangelischer Korrespondent der Berliner Allgemeinen Kirchenzeitung sprach 1844 von einer katholischen Tübinger Schule. Da der Generationenwechsel an der Fakultät unübersehbar war, wurde bald die aufgeklärte „alte“ von einer romantisch-ultramontanen „neuen“ Schule unterschieden, die etwa der liberale katholische Theologe Benedikt Alois Pflanz mit Misstrauen beobachtete. Da man der „neuen“ Schule die Störung des konfessionellen Friedens vorwarf, war diese Begriffsbildung auch politisch höchst brisant.

Der katholische Tübinger Exeget Martin Joseph Mack, wegen einer Schrift über gemischte Ehen aus dem Amt des Universitätsrektors entfernt, rezensierte Merz 1842 und übernahm den Ausdruck Tübinger Schule. Aber das scheint ein Einzelfall gewesen zu sein. Als geläufiger Begriff auf katholischer Seite ist die Tübinger Schule erst deutlich später greifbar, vor allem 1862 bei dem Dillinger Theologen Alois Schmid, der die Tübinger Schule von anderen theologischen Strömungen seiner Zeit abgrenzte. Karl Werner beschrieb in seiner schon genannten „Geschichte der katholischen Theologie“ den „theologischen Bildungskreis, der unter dem Namen der Tübinger Schule in der Geschichte der Theologie des katholischen Deutschlands immerfort ein ehrenvollstes Andenken behaupten wird“. Ihm ging es vor allem darum, Strömungen, mit denen er sympathisierte, in eine Traditionslinie zur ruhmreichen Gründergeneration der Tübinger Katholisch-Theologischen Fakultät zu stellen. Auch Gießener und Freiburger katholische Theologen waren in seinem Verständnis Angehörige der Tübinger Schule, weshalb er die Gießener Jahrbücher und die Freiburger Zeitschrift für Theologie als Ableger der Theologischen Quartalschrift sah – eine Begriffsweitung, die noch einige Jahrzehnte fortwirkte, sich aber letztlich nicht durchsetzen konnte.

Es gibt dagegen keinen Nachweis, dass der Begriff Tübinger Schule bis zum Ende des 19. Jahrhunderts von einem katholischen Tübinger Professor als Selbstbezeichnung verwendet wurde. Er begegnet allenfalls vereinzelt in Nachrufen. Von der ersten Generation der Tübinger, die doch einer „Schule“ am nächsten kam, ist dieser Begriff nicht überliefert. Der später vielfach als „Haupt und Zierde“ der Tübinger Schule gefeierte Dogmatiker Johannes Evangelist von Kuhn „verneinte 1863 nicht nur die Opportunität, sondern die Sachgemäßheit des Begriffs Katholische Tübinger Schule“ sogar ausdrücklich. Nach der durch Möhler herbeigeführten Wende sah er sich offenbar nicht (mehr) in ausgeprägten Traditionslinien stehen. Sein Schüler und Nachfolger Paul von Schanz ordnete in seinem Nachruf von 1887 Kuhn jedoch ganz selbstverständlich in „jene Richtung in der Theologie“ ein, „welche man im Gegensatze zu der romanischen oder neuscholastischen Richtung die deutsche katholische Schule oder kurzweg auch die katholische Tübinger Schule zu nennen pflegte“.

Im Jahr 1898 versuchte Schanz dann mit einem Aufsatz in der Theologischen Quartalschrift den Begriff Tübinger Schule als Selbstbezeichnung der katholischen Theologen in der Stadt am Neckar zu etablieren. Dabei bezog er sich nicht auf die Gründergeneration, sondern auf Möhler und dessen geistige Söhne und Enkel, zu denen er auch selbst zählte. Zudem musste er sich auf die systematischen Disziplinen konzentrieren und die exegetischen und historischen ausschließen, um sein Konstrukt halbwegs plausibel erscheinen zu lassen. Diese Linie gipfelte 1964 in dem Versuch Josef Rupert Geiselmanns, Aufklärer und Ultramontane unter dem Begriff der katholischen Tübinger Schule zusammenzufassen – auf Kosten einer radikalen Uminterpretation der ersten Generation, sodass Drey bei ihm gegen alle Fakten zum Antiaufklärer und Romantiker wurde. Vor allem außerhalb des deutschsprachigen Raums ist Geiselmanns Begriffsprägung bis heute wirkmächtig geblieben.

Für die Begriffsgeschichte der katholischen Tübinger Schule ist schließlich noch eine weitere Personengruppe entscheidend: die „strengkirchlichen“ Denunzianten und Zensoren, die nicht müde wurden, die Tübinger Schule – beziehungsweise das, was sie darunter verstanden – immer wieder pauschal als unorthodox zu brandmarken. Ironischerweise trugen sie auf ebendiese Weise entscheidend dazu bei, dass der Begriff heute vor allem mit Theologinnen und Theologen assoziiert wird, die in ihrer jeweiligen Zeit als kritisch beziehungsweise „fortschrittlich“ galten. Die Intransigenten haben sich und ihre Gesinnungsgenossen dadurch in der kollektiven Erinnerung selbst marginalisiert.

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sind es vor allem Max Seckler und Walter Kardinal Kasper, die pro Existenz einer Tübinger Schule argumentierten. Diese habe „noch heute eine erstaunliche Vitalität“ erklärte Kasper 1993, der selbst in der Tübinger Tradition steht. Und in einem Interviewband mit Daniel Deckers ist der Abschnitt, der sich Kaspers Theologiestudium widmet, bezeichnenderweise mit „Tübinger Schule – Theologie im offenen Strom der Zeit“ überschrieben und Tübingen als „Olymp deutschen Geistes“ gewürdigt.

Ein Blick auf die derzeitigen Schwerpunkte der Rezeption Tübinger Theologie gerade auch im internationalen Kontext lässt es heute ebenfalls naheliegend erscheinen, eine Traditionslinie von den aufgeklärten Gründervätern über die „liberal geläuterten“ Ultramontanen Kuhn und Hefele zu den Vordenkern des Zweiten Vatikanischen Konzils zu ziehen – und diese Traditionslinie mit Tübinger Schule zu betiteln. Zwingend ist diese Auswahl aufgrund der Faktenlage aber keineswegs und man sollte sich immer der Ausschließungsmechanismen bewusst sein, die dabei angewendet werden. [...]


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