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Leseprobe 3
Erasmus Gass
Achisch von Gat als politische Witzfigur

»Wovor muß ein Politiker auf der Hut sein: vor freien Wahlen, vor freien Meinungsäußerungen, vor Fanatikern. Und vor Witzen. In einem totalitären Staat ann er die Wahlen verfälschen, die Meinungsäußerungen knebeln, die Fanatiker unschädlich machen. Nur gegen den Witz ist er machtlos. Allenfalls kann er den Witzerzählern an den Kragen. Die Witze selbst entziehen sich jeder Verfolgung.«
(Werner Finck)

Der politische Witz ist aufgrund seiner Formenvielfalt, der feinen Differenzierung zwischen Drastik und Andeutung sowie der Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten die ideale Waffe der Schwachen. Politische Witze haben eine subversive Pointe, mit der sie den politischen Gegner der Lächerlichkeit preisgeben, ja sogar vernichten wollen. Die Wirkung des Witzes hängt vom Überraschungseffekt ab, den die Pointe auszulösen vermag. Politische Witzfiguren hat es seit jeher bei allen Völkern gegeben. Nicht nur ausländische Herrscher hat man mit Häme bedacht – in diesem Fall spricht man von einem systemkonformen Witz –, auch eigene Politiker werden gerne aufs Korn genommen, um bestehende Missstände zu kritisieren; dann spricht man von einem nonkonformen Witz. Als Kommunikationsform bedient sich der Witz des Dialogs, des Wortspiels, der sprachlichen Verdichtung, der Umdeutung, der Mehrdeutigkeit, der Verschiebung, der Widersinnigkeit, des Vergleichs und anderer Techniken. Der Witz lebt zudem sowohl vom Schema, das eine Enttäuschung verhindert, als auch von Innovation, die vor Ermüdung bewahrt, sodass die Gattung des Witzes kaum abschließend beschrieben werden kann.

Im Folgenden soll herausgearbeitet werden, wie man mit ausländischen Herrschern in Juda umgesprungen ist. Da der Kleinstaat Juda meist als Vasall von anderen Großmächten abhängig war, konnte Kritik nicht zu offen vorgetragen werden. Deshalb wählte man Techniken, die mit denen des politischen Witzes vergleichbar sind. Die Frage, ob es die Gattung des »Politischen Witzes« als solche überhaupt schon in Juda/ Israel gegeben hat, muss im Rahmen dieser Untersuchung offen bleiben, da sie ein wesentlich umfangreicheres Textkorpus berücksichtigen müsste.

In den Achisch-Erzählungen wird geschildert, wie der Judäer David geschickt mit dem Philisterfürsten Achisch von Gat spielt. Hier wird der Philisterkönig, den der judäische Söldnerführer nach Strich und Faden hinters Licht führt, offenbar wie eine politische Witzfigur gezeichnet. David wird so zum Vorbild für den richtigen Umgang mit den verhassten Philistern.

Zunächst werden die Texte vorgestellt, wobei auf die doppeldeutige Sprache immer wieder hingewiesen werden muss, was in den Übersetzungen nur schwer nachgeahmt werden kann. Insofern sind hier einige philologische Anmerkungen nötig. Auch wenn die Achisch-Erzählungen in den größeren Kontext der Philisterkriege eingebunden sind, sollen sie für sich isoliert betrachtet werden, da sie thematisch einen eigenen Schwerpunkt bilden und nur hier Achisch vorkommt. Dieser bedeutende Philisterkönig spielt im Kontext keine Rolle mehr, so dass sich die drei Achisch-Erzählungen als eigenständiges Textkorpus, das freilich auch literarische Bezüge zum Kontext aufweist, abheben lassen. Erst in einem zweiten Schritt soll mithilfe der Figurenkonstellation und des archäologischen Befundes erhoben werden, ab welcher Zeit eine solche Erzählung verschriftet werden konnte. Der hierbei ermittelte terminus post quem bezieht sich lediglich auf die Zeit der Verschriftung. Das Alter der zugrunde liegenden Tradition bleibt hiervon unberührt. Insofern soll auch nicht bestritten werden, dass es einen judäischen Söldnerführer namens David in Diensten der Seevölker gegeben haben wird, zumal die schriftliche Erzählung ohnehin die apologetische Tendenz verrät, David von dem Verdacht zu entlasten, er habe sich in philistäischen Diensten an militärischen Aktionen gegen Israel und insbesondere Saul beteiligt. Die folgenden Überlegungen beziehen sich demnach nur auf die schriftliche Erzählung, und nicht auf die Tradition, die sich hinter den Texten verbergen mag.

1. Das Achisch-Triptychon – die Texte

1.1 Der erste Versuch (1 Sam 21,11–16)


11 Und es machte sich David auf und floh an jenem Tag vor Saul und kam zu Achisch, dem König von Gat.
12 Und es sagten die Knechte des Achisch zu ihm: »Ist dies nicht David, der König des Landes? Haben sie nicht bezüglich diesem bei Reigentänzen folgendermaßen gesungen: ›Es hat erschlagen Saul seine Tausend und David seine Zehntausend?‹«
13 Da nahm David sich diese Worte zu Herzen und er fürchtete sich sehr vor Achisch, dem König von Gat.
14 Und er verwirrte seinen Verstand in ihren Augen und er stellte sich wahnsinnig in ihren Händen, und er kritzelte an die Flügel des Tores und ließ seinen Geifer auf seinen Bart fließen.
15 Da sagte Achisch zu seinen Knechten: »Siehe, ihr seht, dass der Mann verrückt spielt. Warum bringt ihr ihn zu mir?
16 Fehlt es mir an Verrückten, dass ihr diesen hergebracht habt, bei mir verrückt zu spielen? Sollte der in mein Haus kommen?«

Da die Flucht Davids zu den Philistern sowohl in 1 Sam 21 wie auch in 1 Sam 27 dargestellt wird, hat man seit jeher an zwei Überlieferungen nur eines Ereignisses gedacht. Die Isolation dieses Abschnittes zeigt sich auch durch Spannungen zum Kontext: Der Anschluss von 1 Sam 21,11–16 an die vorhergehende Erzählung ist inhaltlich schwierig, da David zuvor das Schwert Goliats von Gat an sich nimmt, was ihn sicherlich in Misskredit bringen würde, sobald er in der Stadt Gat auftaucht. Davids erster Kontakt zu Achisch wird zudem in 1 Sam 27 nicht aufgegriffen, was ebenfalls auf den sekundären Charakter von 1 Sam 21 hinweist. Die erste Achisch-Erzählung ist vermutlich eine Anekdote mit wenig historischem Gehalt. Sie kontrastiert die zweite Flucht Davids mit einem ersten vergeblichen Versuch.

[...]


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