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Editorial

Georg Koridze / Stephan Winter / Thomas Jürgasch
Thema dieses Hefts: Thomas von Aquin: Eine Nachlese zum Thomas-Jahr
Beiträge
Rolf Schönberger
Wahrsein als adaequatio. Zur Stellung des Thomas von Aquin in der Diskussionsgeschichte des Wahrheitsbegriffs

Kurzbeschreibung dieses Beitrags

Thomas von Aquin gilt als Klassiker der Adäquationstheorie. Zu den Einwänden gegen diese Theorie gehört neben der Unmöglichkeit eines Vergleichs aus höherer Warte das Problem, wie man Adäquatheit überhaupt zu denken hat und wie sie möglich ist. Sätze sind keine Sachverhalte. Der Beitrag macht den Versuch, aus Thomas´ Texten Momente der Adäquatheit herauszuarbeiten: Ähnlichkeit bei Verschiedenheit, Beabsichtigung und damit ein Anspruch – auf Wahrheit. Sie erfordert zudem eine Bestimmtheit des Gehalts, deren Begründung nicht die Wahrheitstheorie erbringen kann. Auch wenn das Wahrsein selbst nicht mit der Erkenntnis verbunden sein muss (Frege), muss die Erläuterung doch den Bezug auf das Gegenteil und damit auf die Vernunft herstellen. Thomas´ Theorie ermöglicht es ihm zudem, die disparaten überkommenen Bestimmungen (Aristoteles, Augustinus, Anselm, Avicenna) in eine Konzeption einzuordnen.

Georg Koridze
Die epistemologische Zäsur innerhalb der quinque viae. Relationalität versus absolute Namensgebung

Kurzbeschreibung dieses Beitrags

Der verbreitete Einwand, die Fünf Wege erreichten nicht den christlichen Gott – auch das Gap-Problem genannt –, übergeht einen Kernpunkt: Thomas’ Namentheorie (I Sent., d. 22, q. 1, a. 2; STh I q. 13) unterscheidet absolute Namen (bonum, ens, nobile), die Gott wesenhaft zukommen, von relativen Namen (creator, prima causa, motor immobilis), die nur uneigentlich und beziehungsweise gelten. Die ersten drei Wege enden bei relativen Namen, die letzten beiden bei absoluten. Der vorliegende Artikel will zeigen, dass der Übergang vom Relativen zum Absoluten philosophisch nicht zwingend ist – er setzt die theologische Annahme voraus, dass der letzte Grund mit der Fülle des Guten und Intelligenten identisch ist. Thomas lässt die Gap-Problematik mit Einschränkung des Gültigkeitsbereichs der letzten zwei Denkwege nicht aufkommen und bringt zugleich ihre Unmöglichkeit für die jüdische und islamische Philosophie in Anschlag.

Julian Donatus Schuler
Die Analogielehre des Thomas von Aquin und ihre Anknüpfungspunkte im Feld einer pluralistischen Theologie

Kurzbeschreibung dieses Beitrags

Diese Untersuchung analysiert die Analogielehre des Thomas von Aquin und ihre Anschlussfähigkeit in der heutigen pluralistischen Theologie. Nach einem Rückblick auf die antiken und mittelalterlichen Ursprünge des Analogiebegriffs wird Thomas’ Position als Mittelweg zwischen Univokation und Äquivokation erläutert. Da der Aquinate kein systematisches Gesamtwerk zur Analogie verfasste, zeigt der Artikel spannungsvolle Deutungen zwischen Attributions- und Proportionalitätsanalogie auf. In der metaphysik-kritischen Gegenwart wird die Analogie durch Ansätze wie David Tracys „Analogical Imagination“ oder Robert Massons linguistisches Konzept neu bewertet. Analogie fungiert als entscheidende Brücke, um die Spannung zwischen Gottes Transzendenz und Immanenz sprachlich zu wahren und den Dialog zwischen vielfältigen theologischen Entwürfen und anderen Wissenschaften zu ermöglichen.

Jana Ilnicka
Ist das Bild der Trinität trinitarisch? Auffassungen von Augustinus und Thomas von Aquin

Kurzbeschreibung dieses Beitrags

Der Beitrag untersucht, wie das Bild der Trinität im Menschen – insbesondere in der Seele – bei Augustinus und Thomas von Aquin trinitarisch gedeutet wird. Augustinus entwickelt psychologische Triaden (z. B. memoria / intelligentia / voluntas), die die innere Dreigliederung der Seele als Abbild der göttlichen Trinität verstehen. Thomas hingegen systematisiert diese Modelle metaphysisch und betont die Einheit des menschlichen Subjekts: Die Trinitätsanalogie zeigt sich nicht in einer strukturellen Dreiteilung, sondern in den geistigen Akten des Erkennens und Liebens. Während Augustinus eine direkte Entsprechung zwischen Seele und Trinität sucht, sieht Thomas die Analogie in der Dynamik der Tätigkeiten, ohne die Subjekthaftigkeit des Menschen zu gefährden. Die Arbeit zeigt, wie beide Denker die Spannung zwischen Einheit und Dreiheit theologisch und anthropologisch auflösen.

Lesen Sie diesen vollständigen, ungekürzten BeitragMartina Roesner
Wahre Selbsterkenntnis oder Ausdruck von Arroganz? Das aristotelische Konzept der Großgesinntheit (megalopsychia) im Spiegel seiner Rezeption durch Thomas von Aquin

Kurzbeschreibung dieses Beitrags

Im Kontext der aristotelischen Tugendethik kommt der Großgesinntheit (megalopsychia) eine besondere Stellung zu: Einerseits besteht sie im Bewusstsein der eigenen vollendeten Tugendhaftigkeit und Ehrwürdigkeit, andererseits macht sie sich nicht von den tatsächlichen Ehrbezeigungen der Mitmenschen abhängig, sondern ruht autark in sich selbst. Bei Thomas von Aquin wird diese Tugend unter dem Titel der magnanimitas insofern umgedeutet, als sie lediglich den affektiven Antrieb zur Erreichung hoher und schwer zu erreichender Güter bildet. Letztlich sind die beiden Deutungen der megalopsychia bzw. der magnanimitas Ausdruck verschiedener Modelle menschlicher Vollendung: Bei Aristoteles besteht diese auf der Metaebene des ethischen Selbstbewusstseins, während Thomas das Ziel menschlicher Existenz in die jenseitige visio beatifica verlagert, bei der der Mensch in der unmittelbaren Schau Gottes und nicht im reflexiven Bewusstsein dieser Schau selig ist.

Kyu Hee Park / Matthias Perkams
Scala virtutum. Das plotinisch-macrobianische Tugendschema als philosophische Erweiterung der thomasischen Ethik

Kurzbeschreibung dieses Beitrags

Der Beitrag untersucht die Überlieferung der neuplatonischen Lehre von den vier Tugendstufen auf dem Weg von Plotin und Porphyrios über Macrobius ins lateinische Mittelalter sowie ihre Rezeption bei Thomas von Aquin. Obwohl Thomas’ Ethik wesentlich aristotelisch geprägt ist, integriert er das macrobianische Schema der politischen, reinigenden, geläuterten und exemplarischen Tugenden in seine Tugendlehre. Indem er die exemplarischen Tugenden im göttlichen Geist verortet und die höheren Stufen als Weg zur Glückseligkeit deutet, verbindet er neuplatonische Aufstiegslehre mit christlicher Theologie. So wird die Scala virtutum zu einem philosophischen Bindeglied zwischen aristotelischer Ethik und christlicher Transzendenz.

Kritisches Forum / Themen der Zeit
In dieser Ausgabe wurde kein Beitrag zu »Kritisches Forum« oder »Themen der Zeit« veröffentlicht.
 


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