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Doppelausgabe 3-4/2026


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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/thq.2026.3.416–428
Laura Mössle
Über das Tun zum Gefühl?
Eine praxeologische Perspektive auf Emotionen im Religionsunterricht
Zusammenfassung
Der Beitrag untersucht Emotionen im Religionsunterricht aus praxistheoretischer Perspektive und fragt, wie sie in sozialen Unterrichtssituationen entstehen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Emotionen in der religionspädagogischen Forschung meist als individuelle, intrapsychische Erfahrungen betrachtet werden, ihre soziale und kulturelle Hervorbringung jedoch wenig beachtet wird. In Anlehnung an Monique Scheers Konzept des Doing Emotion werden Emotionen als Praktiken betrachtet, die in alltäglichen Interaktionen aktiviert, benannt, kommuniziert und reguliert werden. Am Beispiel von Anerkennungspraktiken im Kontext schulischer Leistungsrückmeldungen wird aufgezeigt, wie Emotionen durch Unterrichtshandeln hervorgebracht werden. Der Beitrag verdeutlicht, dass die Perspektive der Emotionspraktiken neue Zugänge zur Analyse von Unterricht eröffnet und Impulse für eine religionspädagogische Gestaltung von Anerkennung in Bildungsprozessen bietet.

Abstract
This article takes a practice-theoretical approach to examining emotions in religious education, exploring how they emerge within social classroom interactions. It begins with the observation that, in religious education research, emotions are predominantly conceptualized as individual, intrapsychic experiences, while their social and cultural production has received comparatively little attention. Building on Monique Scheer’s concept of Doing Emotion, the article posits that emotions are practices activated, articulated, communicated, and regulated through everyday interactions. Using recognition practices in performance feedback as an example, the article demonstrates how emotions are produced through pedagogical action. The article argues that focusing on emotional practices can provide new insights into classroom processes and offer valuable ideas for fostering recognition in religious education and other educational contexts.

Schlüsselwörter/Keywords

Emotionen; religiöse Bildung; Doing Emotion; Affective Turn; Praxistheorie
Emotions; religious education; doing emotion; affective turn; practice theory


1. Hinführung

Emotionen sind aus Unterrichtsprozessen kaum wegzudenken. Sie prägen die Unterrichtsinteraktion und werden in Gruppenarbeitsphasen, Bewertungssituationen oder bei der Auseinandersetzung mit Unterrichtsinhalten besonders sichtbar.

Dies gilt selbstverständlich auch für den Religionsunterricht. Kompetenzorientierte religiöse Bildung zielt darauf, Emotionen im Religionsunterricht wahrzunehmen und zu gestalten. Hinzu tritt die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Herausforderungen wie Krisen, Kriegen oder dem Zusammenleben in religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaften, die im Religionsunterricht kontrovers diskutiert werden und emotionale Reaktionen hervorrufen können. Auch aufgrund seiner Methodenvielfalt und der Möglichkeit, emotionale Erlebnisräume für religiöse Erfahrungen bereitzustellen, gilt der Religionsunterricht als ein besonders von Emotionen geprägtes Unterrichtsfach.

Gleichzeitig erweist sich der Begriff der Emotion bei näherer Betrachtung als schwer greifbares Phänomen. Hinter dem, was alltagssprachlich selbstverständlich unter Emotionen gefasst wird, verbergen sich unterschiedlich akzentuierte, teilweise konkurrierende Theorien. Wie Emotionen entstehen und welche Rolle ihnen in Unterrichtssituationen zukommt, wird in den verschiedenen Disziplinen der Pädagogik und Psychologie unterschiedlich beantwortet.

Auch die religionspädagogische Unterrichtsforschung widmet sich dieser Thematik, wenngleich noch immer mit Zurückhaltung. Obwohl Emotionen als zentrales Merkmal religiöser Entwicklungsprozesse angesehen und in subjektorientierten Bildungsprozessen berücksichtigt werden, werden sie selten explizit thematisiert. Die Frage, wie Emotionen im Religionsunterricht hervorgebracht, wahrgenommen, ausgehandelt und pädagogisch bearbeitet werden, wurde bislang nur in Ansätzen untersucht.

Der vorliegende Beitrag argumentiert, dass insbesondere kulturtheoretische Ansätze der Emotionsforschung – wie etwa Monique Scheers Konzept des Doing Emotion – neue Perspektiven eröffnen, um Emotionen im Geschehen des Religionsunterrichts wahrzunehmen und produktiv zu bearbeiten. In dieser Perspektive sind Emotionen nicht als ausschließlich individuelle Erfahrung zu untersuchen, sondern auch als sozial und kulturell hervorgebrachte Praktiken zu analysieren. Der Beitrag widmet sich also der Frage, wie Emotionen in sozialen Situationen des Religionsunterrichts hervorgebracht werden.

Zunächst wird im Folgenden ein exemplarischer Überblick über zentrale Perspektiven der Emotionsforschung gegeben (1), um die Relevanz von Emotionen für pädagogische und didaktische Fragestellungen zu verdeutlichen. Anschließend wird ein kulturtheoretisches Emotionsverständnis näher entfaltet (2), das den theoretischen Bezugsrahmen der weiteren Überlegungen bildet. Daraufhin wird der Fokus exemplarisch auf die Emotion der Anerkennung und deren Hervorbringung in schulischen Praktiken und Unterrichtsprozessen gerichtet (3). Abschließend werden aus den gewonnenen Einsichten Impulse für die Reflexion von Bildungsprozessen im Religionsunterricht abgeleitet (4).


2. Emotionen als pädagogisch-didaktischer Forschungsgegenstand – ein Überblick

Die theoretische Auseinandersetzung mit Emotionen für den Kontext Schule und Unterricht hat in den vergangenen zwanzig Jahren deutlich an Fahrt gewonnen. Dabei lassen sich drei exemplarische Linien skizzieren, die verschiedene Perspektiven auf das Individuum und die empirische Erforschung von Emotionen in Bildungsprozessen eröffnen.

Eine erste Linie stellen Emotionstheorien dar, die Emotionen primär als individuelle psychische Zustände bzw. Erfahrungen konzeptualisieren. Ein Beispiel dafür ist die für Lern- und Motivationsprozesse einflussreiche Control-Value-Theory (CVT). Diese Theorie versteht Emotionen als das Ergebnis subjektiver Bewertungen von Kontrolle und Wertzuschreibung. Soziale oder kulturelle Kontexte einer Emotion werden lediglich als Einflussfaktoren auf die individuellen Bewertungsprozesse berücksichtigt. [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.

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