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| Leseprobe 3 |
DOI: 10.14623/thq.2026.1.114–130 |
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| Kyu Hee Park / Matthias Perkams |
| Scala virtutum |
| Das plotinisch-macrobianische Tugendschema als philosophische Erweiterung der thomasischen Ethik |
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Zusammenfassung Der Beitrag untersucht die Überlieferung der neuplatonischen Lehre von den vier Tugendstufen auf dem Weg von Plotin und Porphyrios über Macrobius ins lateinische Mittelalter sowie ihre Rezeption bei Thomas von Aquin. Obwohl Thomas’ Ethik wesentlich aristotelisch geprägt ist, integriert er das macrobianische Schema der politischen, reinigenden, geläuterten und exemplarischen Tugenden in seine Tugendlehre. Indem er die exemplarischen Tugenden im göttlichen Geist verortet und die höheren Stufen als Weg zur Glückseligkeit deutet, verbindet er neuplatonische Aufstiegslehre mit christlicher Theologie. So wird die Scala virtutum zu einem philosophischen Bindeglied zwischen aristotelischer Ethik und christlicher Transzendenz.
Abstract This study examines the transmission of the Neoplatonic doctrine of the four grades of virtue from Plotinus and Porphyry to the Latin Middle Ages through Macrobius, and its reception in Thomas Aquinas. While Aquinas’ ethics is fundamentally Aristotelian, he integrates the Macrobian schema of political, purgative, purified, and exemplar virtues into his account of human perfection. By interpreting the exemplar virtues as grounded in the divine intellect and reading the higher grades as stages toward beatitude, Aquinas transforms the Neoplatonic ascent into a philosophical framework that prepares for the theological virtues. Thus, the Scala virtutum becomes a bridge between Aristotelian ethics and Christian transcendence.
Schlüsselwörter/Keywords Ethik; Thomas von Aquin; Plotin; Macrobius; Tugend; Scala virtutum Ethics; Thomas Aquinas; Plotinus; Macrobius; Virtue; Scala virtutum
1. Einleitung
In der Erläuterung der Weltentstehung, in der Anthropologie und Seelenlehre hat das Christentum aus dem Platonismus viele Impulse übernommen, die bis heute wesentlich zu seiner Anziehungskraft beitragen. Nachdem schon die Apologeten der frühen Kirche auf die Gemeinsamkeiten der neuen Weltanschauung mit dem Platonismus hingewiesen hatten, verankerte insbesondere Augustinus – in vielem der Vater des spezifisch abendländischen Denkens – nicht nur platonische Denkformen im Christentum des Westens, sondern hob in seinen Bekenntnissen auch autobiographisch die besondere Nähe der Bibel zu dem ihm bekannten (neu-)platonischen Büchern hervor. Obwohl Augustinus sich der Grenzen dieser Annäherung zunehmend bewusst wurde und schließlich eine eher skeptische Haltung zur rationalen Erklärbarkeit des Christentums einnahm, bleibt die neuplatonische Philosophie ein kontinuierlicher Einfluss in seinem gesamten OEuvre. Auch auf einem anderen Weg steht das Denken des lateinischen Mittelalters, zu dem Thomas von Aquin wesentlich beiträgt, unter einem starken neuplatonischen Einfluss, nämlich durch das Werk des Pseudo-Dionysius Areopagita und den ursprünglich arabischen Liber de causis, welche beide insbesondere ihre Prägung durch die Philosophie des Proklos an ihre lateinischen Leserinnen und Leser weitergeben. So sehr das christlich geprägte lateinische Mittelalter daher von Anfang an neuplatonisch beeinflusst ist, so wenig hat es doch einen direkten Zugang zu dessen ursprünglicher Quelle, dem Werk Plotins, der gemeinhin als Gründer des Neuplatonismus angesehen wird. Dass im lateinischen Mittelalter dennoch eine ausdrückliche Rezeption von Plotins epochemachendem Werk stattfindet, ist nahezu ausschließlich der lateinischen Darstellung von dessen Tugendlehre in Macrobius’ Kommentar zu Ciceros Somnium Scipionis zu verdanken. Macrobius, ein weströmischer Denker und wohl jüngerer Zeitgenosse des Augustinus, übt durch seinen Kommentar zum verlorengegangen VI. Buch von Ciceros De re publica einen großen Einfluss auf das lateinische Mittelalter in Bereichen wie Astronomie, Geographie, Seelenlehre sowie Traumdeutungstheorie aus. Schon Boethius (ca. 480– 524), der durch seine Übersetzungen und Kommentare dem Mittelalter die aristotelische Logik vermittelt, zitiert in seinem Kommentar zur Isagoge Macrobius als Autorität. In der ethischen Diskussion führt Peter Abaelard (1079–1142) Macrobius’ Unterscheidung verschiedener Grade von Tugenden an, um die Behauptung des „Philosophen“ zu widerlegen, dass alle tugendhaften guten Menschen unterschiedslos identisch seien. Im 13. Jahrhundert verwenden bereits das franziskanische Autorenkollektiv hinter der Summa Halensis sowie Albertus Magnus die von Macrobius vermittelte Lehre der Tugendgrade in der theologischen Anthropologie. Diesen Weg setzt Thomas von Aquin fort. Wann immer Thomas in der Summa theologiae oder den Quaestiones disputatae die Tugend oder Umgang der Seele mit den Leidenschaften behandelt, führt er Macrobius oder wechselweise „Plotin“ (nämlich den von Macrobius referierten) als Autorität an.
Das ist insoweit nicht überraschend, als von den antiken Ethiken, die die Tugendlehre eng mit der Vorstellung der Seele und ihren Entwicklungsmöglichkeiten zusammendenken, die neuplatonische Denkweise Plotins besonders enge Berührungspunkte mit einer christlichen Ethik aufweist, die von der Suche nach Gott geprägt ist. Denn beide Konzeptionen beschäftigen sich vor allem mit dem stufenweisen Aufstieg der Seele zum ersten Prinzip bzw. zu Gott (um den Ausdruck des Franziskaners Bonaventura zu verwenden, stellt sie geradezu ein „itinerarium mentis in deum“ dar). Wenn nun im 13. Jahrhundert bei einigen Denkern, beispielsweise bei Albertus Magnus oder Thomas von Aquin, die rationale Erklärung der christlichen Ethik zunehmend dem aristotelischen Modell folgt, stellt sich daher verschärft die Frage, wie die Idee einer Annäherung an Gott vor diesem Hintergrund konzeptualisiert werden kann. Das Ziel dieses Beitrags ist es, Antworten auf solche Fragen aus dem Blickwinkel der thomasischen Ethik zu finden, die im Allgemeinen ganz wesentlich von der Nikomachischen Ethik des Aristoteles geprägt ist. Dabei soll gezeigt werden, dass die Integration des plotinisch-macrobianischen Tugendschemas die philosophische Grundlage dafür legt, den Begriff der Tugend nicht auf gleichsam säkulare Vollzüge zu beschränken, sondern ihn für die Idee eines Aufstiegs zum Göttlichen – und damit für die Integration der theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe – fruchtbar zu machen. [...]
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