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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/thq.2026.2.221–255
Nina Kölsch-Bunzen
Im Schatten des jüdisch-christlichen Dialogs
Zusammenfassung
Die antisemitismuskritische Analyse von Kinderbibeln steht im Schatten des jüdisch-christlichen Dialogs. Bereits die Seelisberger Thesen von 1947, die maßgeblich vorbereitet und mitgestaltet wurden von dem jüdischen Historiker und Verfolgten der Shoa, Jules Isaak, haben hier Maßstäbe gesetzt. Aus den Errungenschaften des jüdisch-christlichen Dialogs ergibt sich eine Bringepflicht, dieses Thema sowohl Gemeindemitgliedern als auch einer Öffentlichkeit, an die sich ja kirchliche Botschaften vielfach wenden, verständlich nahezubringen. Hier sollte insbesondere die antisemitismuskritische religiöse Bildung der Kinder in den Vordergrund gestellt werden, damit die Erkenntnisse aus dem jüdisch-christlichen Dialog möglichst früh die nächste Generation erreichen können. Hinsichtlich der Ausgestaltung aktueller Kinderbibeln ist dieser Anspruch jedoch noch keineswegs umgesetzt worden. In diesem Artikel wird der Fokus auf die Erzählungen in Kinderbibeln rund um Geburtsankündigung, Geburt und Kindheit Jesu gelegt. Gefragt wird, inwiefern die Erkenntnisse aus dem jüdisch-christlichen Dialog sich in den textlichen und bildlichen Darstellungen widerspiegeln. Dabei zeigt sich, dass aktuelle Kinderbibeln dem derzeitigen Stand des jüdisch-christlichen Dialogs nicht entsprechen.

Abstract
The analysis of children’s Bibles from an antisemitism-critical perspective still remains in the shadow of Jewish-Christian dialogue. The Seelisberg Theses (1947), significantly prepared and shaped by the Jewish historian and Holocaust survivor Jules Isaak, already set standards. The achievements of the Jewish-Christian dialogue create an obligation to make this topic accessible to both church members and the general public, to whom church messages are frequently addressed. Here, the focus should be on the antisemitism-critical religious education of children, so that the insights gained from Jewish-Christian dialogue can reach the next generation as early as possible. However, this objective has not yet been realized in the design of current children’s Bibles. This article focuses on the narratives in children’s Bibles surrounding the annunciation, the birth and childhood of Jesus. It explores the extent to which the insights from Jewish-Christian dialogue are reflected in the textual and visual representations. This clarifies that current children’s Bibles do not correspond to the usual state of Jewish Christian dialogue.

Schlüsselwörter/Keywords 
Antisemitismuskritische Analyse von Kinderbibeln; Schatten des jüdisch-christlichen Dialogs 
Analysis of children’s Bibles from an antisemitism-critical perspective; the shadow of Jewish-Christian dialogue


1. Der Anspruch 

Insgesamt lässt sich die Geschichte des jüdisch-christlichen Dialogs einerseits als Geschichte hoffnungsvoll stimmender Fortschritte lesen, andererseits ist dieser Dialog immer wieder mit enttäuschenden Rückschlägen konfrontiert. 
Hier die ausgestreckte Hand des Aufklärers und observanten Juden Moses Mendelsohn, der früh für die gegenseitige Anerkennung und für Religionspluralität eintrat, dort die Konversionsforderung des eifernden evangelischen Pastoren Johann Caspar Lavater aus der Mehrheitsgesellschaft. Aber es gab auch Gotthold Ephraim Lessings erfolgreiches Bühnenstück „Nathan der Weise“.
Hier der von Leopold Zunz, Eduard Gans, und Markus Jost gegründete Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden, dem es auf hohem akademischem Niveau um Selbstverständigung und auch um eine gleichwertige Anerkennung in mehrheitlich christlich geprägten Gesellschaften ging, dort beharrliche universitäre Exklusion. Zunz beklagt die Grundeinstellung christlicher Theologie der damaligen Zeit, denn diese habe „jüdische Bücher stets nur aus einem einseitigen Standpunkt und die Juden nur als Kirchenmaterial betrachtet: als Zeugen oder als Widersacher des siegenden Christentums […].“ Aber es gab auch klar denkende, nichtjüdische Wissenschaftler, wie Theodor Mommsen, und Rudolf Virchow, die sich öffentlich gegen die Herabsetzung des Judentums durch Antisemitismus deutlich verwahrten. 
Hier die Pionierarbeit der jüdischen Jesusforschung, die Joseph Klausner in Eretz Israel verfasste, um seinen Landsleuten die historische Gestalt näherzubringen, dort Gerhard Kittel, Professor für Neues Testament, bekennender Antisemit, der dieser Forschungsarbeit entgegenhält: 

„Es kann ja nicht anders sein, als dass der Jude, der dies Stück jüdischer Geschichte bearbeitet, manches zur Belehrung für uns Nichtjuden sieht und manches zu sagen weiß. […] Doch ist von dem allen nichts derart, daß ein an irgendeinem Punkt neuer, jenen Durchschnittstypus sprengender Aufriß der Geschichte Jesu sich ergäbe.“ 

Mit seinem Buch „Die Judenfrage“ empfiehlt sich Kittel als Fachmann für die Verknüpfung eines christlichen Antijudaismus mit der sogenannten ‚Rassenfrage‘. Die Konsequenzen dieser Verknüpfung wurden seitens der Kirchen beinahe ohne jede Gegenwehr mitgetragen. Dies zeigt sich besonders deutlich daran, dass man die eigenen Kirchenbücher auslieferte und damit sogar zum Christentum Konvertierte der NS-Willkür preisgab. Während die katholische Kirche ein Konkordat mit dem NS-Regime unterzeichnete und die sogenannten Deutschen Christen sich zur Linientreue bekannten, nahmen wenige ‚Gerechte unter den Völkern‘ ihren Kampf gegen die Shoah als Verpflichtung wahr.
Die Dialogangebote von jüdischer Seite wurden überwiegend ausgeschlagen, und so lautet ein Resümee: 

„Die Beiträge zur jüdischen Jesusforschung vom 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts blieben von den christlichen Theologen und ihren Kirchen mehrheitlich unbeachtet. Weder religiöse jüdische Autoritäten noch jüdische Wissenschaftler wurden christlicherseits rezipiert.“

Nach 1945 war die Verstrickung der Kirchen in die Shoah unabweisbar. Christliche Theologie hatte in der NS-Diktatur weit überwiegend keine Widerstandskräfte aufgebracht. Vielmehr hatte sie sogar aktiv dabei mitgewirkt, dass die Verbindung von christlichem Antijudaismus mit rassistisch aufgeladenem Antisemitismus gefestigt wurde. 

Der immense öffentliche Druck, der angesichts der Shoah auf die Kirchen ausgeübt wurde, ließ die Notwendigkeit, nun endlich den Dialog aufzunehmen, offensichtlich werden. 

Dieser Druck stand im Raum, als die Konferenzteilnehmer:innen 1947 im Schweizer Seelisberg zusammenkamen, um sich im jüdisch-christlichen Dialog dem Thema des christlichen Antijudaismus bzw. Antisemitismus zu stellen. Man kann es den „Beginn einer jüdisch-christlichen Erfolgsgeschichte“ nennen. Man kann es aber auch vorsichtig und warnend als moralisch unabweisbaren Auftrag sehen, nicht nachzulassen im jüdisch-christlichen Austausch- und Verständigungsprozess. 

Bleibendes Vorbild für den jüdisch-christlichen Dialog ist Jules Isaac. Ohne seine wissenschaftlichen Vorarbeiten und seine auf persönlicher Integrität beruhende Fähigkeit, Aushandlungsprozesse anzubahnen, wäre es wohl kaum zur einvernehmlichen Verabschiedung der Zehn Thesen von Seelisberg (1947) gekommen. Isaac entstammt einer jüdischen Familie in Frankreich und setzt sich früh aus humanistischer Einstellung heraus als Historiker wissenschaftlich mit dem Antisemitismus auseinander. Inspiriert von den Studien Klausners, untersucht er insbesondere den christlichen Antijudaismus, der sich auf Texte des Zweiten Testaments beruft. Seine Studien münden in das Werk Jesus und Israel. 1940 wird Isaac als Generalinspektor für den Bildungsbereich Geschichte des französischen Bildungsministeriums aufgrund antisemitischer Verwaltungsvorschriften des Vichy-Regimes seines Amtes enthoben. 1943 werden seine Frau, seine Tochter und sein Sohn von der Gestapo verhaftet. Jules Isaac entgeht der Festnahme durch einen Zufall, erwägt in Verzweiflung, sich zu stellen, in der vagen Vorstellung, seiner Familie doch noch beistehen zu können. Seine Frau lässt ihm die Nachricht zukommen, er solle von diesem Vorhaben Abstand nehmen, und mahnt ihn, sein wichtiges Buch fertigzustellen. 1946 kann er das Werk, das insgesamt einundzwanzig nach dem damaligen Stand wissenschaftlich gut belegte Thesen enthält, beenden. Sein Sohn kehrte aus dem Konzentrationslager zurück, Frau und Tochter jedoch waren ermordet worden. Und so widmet Jules Isaac diesen beiden seine Arbeit: „In Memoriam. Gewidmet meiner Frau und meiner Tochter, die von Hitlers Schergen getötet wurden, weil sie Isaac hießen.“ [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.

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