aktuelle Doppelausgabe 3-4/2026 |


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| Leseprobe 1 |
DOI: 10.14623/thq.2026.3.361–374 |
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| Jean-Pierre Wils |
| Im Emotionen-Gewitter |
| Eine Verteidigung temperierten Glaubens und religiöser Ambiguitätstoleranz |
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Zusammenfassung Das Christentum erlebt seit geraumer Zeit eine regelrechte Emotionalisierung. Wo nicht die Resignation oder die Reaktion vorherrscht, breitet sich ein religiö-ser Enthusiasmus, ein Stimmungschristentum aus. Das Pathos ersetzt die Kog-nition. Diese Aufspaltung wird von Diagnosen bestätigt, die aus einer phäno-menologischen und soziologischen Perspektive auf die Transformationen der Emotions- und Gefühlskultur der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart blicken. Die Emotionalisierung droht zu einem Spiegelbild der einstigen dog-matischen Verhärtung zu werden. Nur im Milieu eines ausgewogenen Verhält-nisses von Emotion und Reflexion können ein temperierter Glaube und eine religiöse Ambiguitätstoleranz gedeihen.
Abstract Christianity has been undergoing a veritable shift toward emotionalization for quite some time now. In places where resignation or reactionary attitudes do not prevail, a religious enthusiasm – a “mood-based Christianity” – is spreading. Pathos is replacing cognitive thinking. This dichotomy is confirmed by analyses which examine, from a phenomenological and sociological perspective, the transformations in the culture of emotions and feelings in the recent past and the present. This shift toward emotionalization risks becoming a mirror image of the dogmatic rigidity of the past. Only in an environment characterized by a well-balanced relationship between emotion and reflection can a tempered faith and a religious tolerance for ambiguity flourish.
Schlüsselwörter/Keywords Emotionalisierung; Gefühl; Reflexion; Individualismus; Ontologie der Emotionen; gefühlte Religion; temperierte Religion Emotionalization; emotion; reflection; individualism; ontology of emotions; experiential religion; tempered religion
Gefühlte Religion
Wenn man unvoreingenommen auf die Weltlage der Religionen blickt, wird man deren schwindende Bedeutung kaum übersehen. Die neueste deutschsprachige soziologische Studie über deren Entwicklung kommt um die Feststellung nicht herum, dass sogar in Ländern wie Polen oder dem Iran die Strahlkraft der Religion deutlich nachgelassen hat. Man braucht diesen Befund nicht unbedingt als eine Bestätigung der Säkularisierungsthese zu lesen. Entgegen den vor allem medial vermittelten Anzeichen einer robusten Regenerierung von Religion kann aber von einer Umkehrung der mit jener These assoziierten Entwicklung jedenfalls kaum die Rede sein. Auf die Frage, was in einer Gesellschaft durch diesen Schwund verloren gehe, hat der Religionssoziologe Detlef Pollack mit dem Hinweis auf eine „kulturelle Regression“ geantwortet:
In dem Prädikat ‚komisch‘ wird die Irritation festgehalten, welche die Überzeugungen (‚beliefs‘), die dem Christentum zugrunde liegen, mittlerweile auszulösen scheinen. Das Register des Glaubens ruft Unverständnis und Ablehnung hervor, als käme da ein verjährter Mythos auf uns zu, der in einer Welt, die sich als aufgeklärt chiffriert, auf eine peinliche Art und Weise um Anerkennung buhlt. Vielleicht werden bestimmte moralische Grundsätze in einer verdünnten Version als „Werte“ noch geduldet, aber die „Begriffe“, die das Christentum prägen, scheinen zunehmend einer Sphäre des Unbegreiflichen anzugehören. Sie sind teilweise ausgelagert worden in die Asservatenkammer eines Vokabulars, wo sie als Zeugnisse ihres historischen Versagens und ihrer Schuldgeschichte aufbewahrt werden. Hier sind sie längst nicht mehr nur „komisch“ oder mit dem Ruf der Kuriosität behaftet, sondern eben schuldig gesprochen. Dass sie eine argumentative Wertigkeit, also eine reflexive Signatur, besitzen könnten, gilt als ausgeschlossen. Der substanzielle Kern des Christentums – die heilsgeschichtliche Bedeutung der Passion und sein eschatologisches Profil – ist nur noch schattenhaft vorhanden, sogar auch in der Mitte jener, die sich – wie auch immer – noch mit ihm verbunden fühlen.
Denn das Christentum ist überaus expressiv geworden. Es zeigt sich vielerorts in der Entladung starker und enthusiastischer Emotionen, die eine Atmosphäre rauschhafter Begeisterung hervorzurufen vermögen. Festivitäten praller Fröhlichkeit, zu denen Glaubenstreffen nicht selten geworden sind, haben einer eher nachdenklichen und bedächtigen bis kritischen Annäherung an die eigene Religion längst den Rang abgelaufen. Da wird eine Unmittelbarkeit gefeiert, in der die Grenze zwischen Befindlichkeit und Verbindlichkeit längst durchlässig geworden ist. Nicht selten haben exaltierte Stimmungen das schwierige, anthropologisch und theologisch überaus anspruchsvolle Profil des Christentums absorbiert und simplifiziert. In der Menge der Gleichgesinnten, vor allem aber der Gleichgestimmten wird das private Erlösungserlebnis gesucht.
Der Kontrast zu den resignierten, sich im Rückzug befindenden postvatikanisch-liberalen Reformbewegungen könnte größer nicht sein, aber auch zu den Esoteriken der reaktionär-katholischen Protestmilieus klafft eine radikale Lücke. Während die Reaktion sich auf die Position einer Ablehnung der Gegenwart ‚tout court‘ zurückzieht und mit finsteren Versatzstücken wie der Lehre vom ‚Katechon‘ zugunsten ihrer Bankrotterklärung operiert, verlustiert sich die emotional aufgeladene Alternative in einer Art Selbstfeier. Das Biografische überlagert Sinn und Gehalt der Überzeugungen, die der Glaube bereithält. Der Ernst des Christentums wird der Prüfung unterworfen, ob er zum Wohlgefühl passt.
Der religiöse Glaube, der in kaum einer anderen Religion eine solche Prominenz genießt wie im Christentum, passt morphologisch offenbar schlecht in das Profil unserer Kultur. Seine Überzeugungen lassen sich nicht auf lediglich subjektive Einstellungen reduzieren. Sie enthalten nämlich eine Wahrheitszumutung, die sich auf die bloß persönliche Ansicht keineswegs zurückführen lässt und dem latenten Relativismus, der dort waltet, letztendlich fremd bleiben muss. Das Dogma stellt keinen Betriebsunfall des Glaubens dar, der lediglich der Aussonderung der Abtrünnigen dient. Über seine Auslegung darf mit Fug und Recht gestritten werden. Der legitime Konflikt um seine Bedeutung und Interpretation bewahrt jedenfalls vor der Versenkung in die privaten Gemüter der Immer-schon-Einverstandenen und vor der Gefahr, sich im religiösen Enthusiasmus nur noch selbst zu begegnen. [...]
Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.
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