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Doppelausgabe 3-4/2026


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Editorial DOI: 10.14623/thq.2026.3.358–360
Thomas Jürgasch / Stephan Winter
„Emotional“ ist ein positiv bewertendes Grundwort für den medialen Austausch über Erfahrungen geworden. Das gilt auch im religiösen Bereich: Bewirbt und entfaltet er sich emotional, findet er Zuspruch. Die durch Emotion erzeugte Bindung ist jedoch oft flüssig, veränderlich und konkurrierenden Emotionen ausgesetzt. Emotion hat mit „Motion“, also mit Bewegung zu tun: Sie setzt in Bewegung, aber sie bleibt in Bewegung und darin finden Menschen oft keinen festen Halt mehr. Sie bleiben aber auf der Suche. Das gilt auch für ihre Nachfrage in der Religion.

Der kirchliche Glaube (mit unterschiedlichen konfessionellen Optionen) und die individuelle Selbstbestimmung bestimmen in ihrer Konkurrenz das religiöse Erleben. Der Kirchenaustritt schränkt in den mitteleuropäischen Ländern die Suche nach religiöser Begegnung nicht ein. Diese Art der Begegnung über Kunst und Denkmal (der Kölner Dom wird z. B. besonders häufig besucht) nannte der Soziologe Hartmut Rosa auf dem Erfurter Katholikentag „kulturelle Resonanz“. Diese Resonanz führt über die zeitlichen Grenzen eines „kulturellen Gedächtnisses“ (Aleida Assmann) hinaus. In Deutschland reisen Schüler:innen, die aus dem Religionsunterricht austreten, zusammen nach Taizé, wo sie nicht nur mitsingen dürfen, sondern Geschirr spülen müssen. Die Jugend trifft sich in Rom. Pilgereisen sind besonders beliebt. Sie sind oft mit alternativer körperlicher Anstrengung, mit Reduktion der Ausrüstung und mit viel Planung verbunden. Sie schaffen geistige Erholung, Begegnung mit pilgernden und einheimischen Menschen, mit Kunst und Kirchen. Es geht dabei um eine „Selbstfindung“ in Distanz zur Routine und Wiederholung der Abläufe im Alltag.

Darüber hinaus gibt es eine interkulturelle und interreligiöse Mediationsbewegung. Das Begegnungszentrum der Jesuiten, das Lassalle-Haus bei Zug, wurde freilich 2025 geschlossen. Es gibt das Benediktus-Haus bei Würzburg, Zentren, die mit Klöstern direkt verbunden sind, und Schulen für östliche Meditationsformen. Sie laden zu Kursen ein und ziehen Menschen an. Organisierte Zen-Reisen nach Japan gehören auch dazu. Man spricht auch von „urbaner Mystik“, weil die ländliche Kultur von einer Nachholbewegung aus der Tradition heraus bestimmt wird. Freilich können Umweltbewegungen religiöse Formate annehmen: Bekenntnisse, Einsätze, Gemeinschaftsformen.

Christliche Tradition ist freilich, zumindest teilweise, auch in Europa – wenn auch mehr z. B. in den USA – resistent. Dazu gehören traditionell-konservative Wallfahrten, etwa die jährliche Wallfahrt zwischen Paris und Chartres. Sie können sich mit Protesten gegen liberal orientierte Kirchenreformen verbünden. In diesem Kontext stehen dann auch in Europa (Italien, Polen) breite Widerstände gegen liberale Reformen. In den USA hat Trump nicht nur die Nationalkonservativen, sondern auch die Evangelikalen auf seiner Seite: Im Kampf gegen die „Abtreibung“ und in der Vision einer religiös unterbauten „Endherrschaft“ wirken ganz unterschiedliche religiöse Emotionen zusammen.

Emotionen sind in ihrer Ausrichtung mindestens zweigeteilt. Oft sind sie gegenläufig. Vor der renovierten Kirche Notre Dame in Paris – ein nationales Kulturereignis – stehen als Besuchertrupps zwei Gruppen: die Gottesdienst-Teilnehmer:innen-Gruppe mit ihrem Bekenntnis zur Partizipation, und die Tourismus-Gruppe, die ihre „kulturelle Resonanz“ in berühmten Denkmälern sucht. Die „kulturelle Resonanz“ des Denkmals steht der „Partizipation an konkreter Religion“ gegenüber. Wenn von „religiöser Praxis“ die Rede ist, dann sind damit wiederholbare Gesten, symbolische Formgebungen und wiedererkennbare Ritualisierungen verbunden. Der Wunsch nach gewohntem und sich wiederholt bestätigendem Erleben bekundet sich in Ritualen, an denen man auch ohne Verpflichtungen teilnehmen kann, und dem Wunsch nach einem neuen Schwung im Ausdruck – musikalisch, tänzerisch oder sportlich –, der sich säkular ausdrucksvolle Emotionen aneignet.

Das vorliegende Doppelheft der Theologischen Quartalschrift arbeitet im thematischen Schwerpunkt solche Beobachtungen auf, versucht, darüber „aufzuklären“. Es geht dabei darum, aus den emotionalen Bewegungen und aus den Diskursen, die sich dabei abzeichnen, aussichtsreiche, zukunftsfähige und verantwortbare Ansätze zu gewinnen. Jean Pierre Wils (Nijmegen) untersucht in „Im Emotionen-Gewitter. Eine Verteidigung temperierten Glaubens und religiöser Ambiguitätstoleranz“, wie die Zweideutigkeit, die dabei entsteht, konstruktiv gewendet werden kann. Michael von Brück (München) erhellt in „Zen – Transformation von Ost nach West. Treue zur Tradition und kreative Aufbrüche?“ die Bedeutung und die Wirkung der Ost-West-Begegnung im vielfach nachgefragten Zen. Hajo Salmen (Bochum) beschreibt in „Die Heimkehrer-Dankeskirche in Bochum-Weitmar“ beispielhaft an einem Projekt die Verwandlung von Kirchen in Museen. Dietmar Mieth (Tübingen) geht in „Emotional berührende Narrative. Die ethische Relevanz rettender und verstörender Geschichten“ auf die emotionale Berührung durch Erzählen ein, die schon bei Friedrich Nietzsche die „Aufklärung“ infrage stellt. Laura Mößle (Frankfurt am Main) konkretisiert in „Über das Tun zum Gefühl? Eine praxeologische Perspektive auf Emotionen im Religionsunterricht“ die Bedeutung der Gefühle in der religionsdidaktischen Vermittlung. [...]


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