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Editorial DOI: 10.14623/thq.2026.2.171–177
Stephan Winter / Thomas Jürgasch
Die kritische Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Persistenz und neuen Sichtbarkeit des Antisemitismus gehört zu den zentralen Herausforderungen dieser Zeit, nicht erst, aber doch in besonderer und akuter Weise seit dem 7. Oktober 2023. Antisemitische Einstellungen und Ressentiments zeigen sich dabei nicht nur in offen judenfeindlichen Äußerungen oder extremistischen Milieus, sondern ebenso in subtilen und codierten Formen, die eine höhere gesellschaftliche Anschlussfähigkeit ermöglichen. Gerade vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen wird deutlich, dass Antisemitismus kein überwundenes Phänomen der Vergangenheit darstellt, sondern sich wandelbar und anpassungsfähig in unterschiedlichen sozialen, kulturellen und politischen Kontexten manifestiert. Aufgrund der engen Verschränkung von religiösen, kulturellen, rassistischen und codierten Formen des Antisemitismus sind vor allem die Theologien in einer besonderen Verantwortung, historische Kontinuitäten und „christliche Signaturen“ von Judenfeindschaft kritisch zu reflektieren und gegenwärtige Erscheinungsformen antisemitischer Deutungsmuster sichtbar zu machen, sodass diese als solche überhaupt erkannt werden, und um Gegenstrategien zu entwickeln.

Dabei ist bereits der Begriff des Antisemitismus selbst Gegenstand wissenschaftlicher Debatten. Eine einheitliche oder konsensuale Definition, so wird auch in den Beiträgen dieser Ausgabe der Theologischen Quartalschrift deutlich, existiert nicht und ist sowohl im wissenschaftlichen als auch im politischen Kontext umstritten. Vielmehr handelt es sich beim Antisemitismus um ein komplexes, historisch kontextuelles und vielschichtiges Phänomen, das als Vorurteil, Ressentiment, Ideologie, Weltdeutungsmuster, kultureller Code oder Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit verstanden werden kann. Weitergehend könnte ausdifferenziert werden, wenn ein sekundärer Antisemitismus vom israelbezogenen Antisemitismus und wieder von verschwörungsideologischen Dimensionen unterschieden wird. Trotz dieser Vielfalt an unterschiedlichen Erscheinungsformen bleibt jedoch eine Grundgrammatik erhalten, bei der die Vorstellung vorherrschend ist, wonach „die Juden“ besonders mächtig seien und den (guten) Lauf der Geschichte, das eigene Schicksal oder die nationale Einheit zum Negativen bzw. zum eigenen Nutzen wenden würden. Gerade für die Theologien, insbesondere die christliche Theologie, ergibt sich daraus eine besondere Herausforderung. Christliche Traditionen waren über Jahrhunderte hinweg an der Ausbildung und Tradierung judenfeindlicher Denkfiguren beteiligt. Der christliche Antijudaismus wirkte in weiten Teilen Europas als kultureller und religiöser Resonanzraum, innerhalb dessen sich antisemitische Ressentiments entfalten konnten. Antijüdische Motive wie der Gottesmordvorwurf, die Konstruktion des „verstockten“ oder „blinden“ Judentums, die Gegenüberstellung von „Gesetz“ und „Evangelium“ oder die Vorstellung einer Ablösung Israels durch die Kirche prägten über lange Zeit religiöse Vorstellungswelten und gesellschaftliche Wahrnehmungen, und sind als theologische Figuren nicht unschuldig. Und auch in sich christlich-philosemitisch verstehenden Organisationen lagern sich judenfeindliche Argumentationsfiguren ab. 

Zwar haben vornehmlich die christlichen Kirchen, unter anderem nach Anstoß durch die Seelisberger Konferenz (1947), tiefgreifende Selbstkritik formuliert und zahlreiche theologische Neuorientierungen angestoßen, dennoch bleibt die Frage nach der Persistenz religiöser Motive im Antisemitismus weiterhin aktuell und eine dringliche Aufgabe. Antijüdische Bilder und Denkstrukturen verschwinden nicht automatisch mit der Säkularisierung moderner Gesellschaften. Vielmehr transformieren sie sich häufig in kulturelle oder politische Codes, die weiterhin auf tradiertes kulturelles Wissen zurückgreifen. Antisemitismen treten oft nicht mehr explizit religiös auf, greifen jedoch implizit auf jahrhundertealte Narrative zurück: Vorstellungen jüdischer Macht, Einflussnahme oder Fremdheit, Verschwörungserzählungen oder moralische Doppelstandards gegenüber Israel können daher nicht losgelöst von ihrer historischen Tiefendimension betrachtet werden. Die wissenschaftlichen Theologien stehen deshalb vor der Aufgabe, die eigene Traditionsgeschichte kritisch zu analysieren und antisemitische Potenziale innerhalb theologischer Sprache und Bilder, Exegese, Liturgie und Religionspädagogik sichtbar zu machen. Dies betrifft nicht nur historische Fragestellungen, sondern ebenso gegenwärtige Formen theologischer Wissensproduktion und Vermittlung. Insbesondere die Religionspädagogik nimmt hierbei eine Schlüsselrolle ein, da Schule und Unterricht zentrale Orte gesellschaftlicher Deutungs- und Bildungsprozesse darstellen. Eine antisemitismuskritische Religionspädagogik darf sich deshalb nicht auf die Thematisierung der Shoah oder einzelner historischer Ereignisse beschränken. Vielmehr muss sie für Kontinuitäten, Leerstellen und implizite Tradierungen sensibilisieren und angehende Bildungsmultiplikator:innen wie zukünftige Lehrer:innen und dadurch wiederum Schüler:innen dazu befähigen, antisemitische Denkfiguren auch in ihren aktuellen und codierten Erscheinungsformen zu erkennen und den Weg für eine kritische Selbstreflexion zu bereiten. Die Vielfalt der Antisemitismusforschung kann in diesem Heft nicht ansatzweise abgebildet werden, jedoch finden sich in der vorliegenden Ausgabe der Theologischen Quartalschrift Beiträge aus verschiedensten Perspektiven sowie dem Kontext unterschiedlicher Theologien und theologischer Teilbereiche, die nicht zuletzt unterschiedliche Positionalitäten zum Ausdruck bringen. Die Beiträge gliedern sich in drei Abschnitte, die sich auf ganz unterschiedliche Weise thematischen Themenfeldern widmen. Sie umspannen: 1. die Frage nach einer Antisemitismuskritik zwischen Universalismus und Partikularismus und ontologischer Interpretation; 2. antisemitismuskritische Analysen und Reflexionen in Bildungskontexten, und 3. die Persistenz judenfeindlicher Narrative.  [...]


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