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Editorial
Stephan Winter / Thomas Jürgasch |
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| Thema dieses Hefts: Antisemitismus und Theologie |
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| Beiträge |
| 1. Judenfeindschaft zwischen Universalismus, Partikularismus und ontologischer Interpretation |
Yehoyada Amir Universalistic Particularism. A Theology of Divine Covenant |
Die erneute Zunahme des Antisemitismus, einhergehend mit anderen posthumanistischen Phänomenen von Rassismus, Xenophobie und Homophobie, markiert eine Vertiefung der Krise des humanistischen Universalismus und verpflichtet Philosophen und Theologen aller Religionen, glaubensbejahende humanistische Alternativen zu fördern. Dieser theologisch-hermeneutische Essay schlägt ein Modell eines inklusiven Partikularismus vor, das auf einer Lektüre der Hebräischen Bibel (Tanakh) und auf ihrer Bundesidee beruht; der universalen noachidischen wie der partikularen (mit dem Volk Israel) Bundesschlüsse. Gleichzeitig gründet das Modell auf einem Aufruf, sich vom Auserwählungsgedanken zu lösen. Zwar wurde dieser Gedanke in der Bibel wie in nachbiblischer jüdischer Tradition als Ausprägung des Bundes verstanden, doch könnte eine Abkehr von ihm – und von der damit verbundenen Exklusivität – zu einer inklusiven Bundesidee ein Modell für innerjüdische und gesamtmenschliche Partnerschaft bieten.
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Asher J. Mattern Judenfeindschaft als Kampf gegen die göttliche Weisung. Rabbinische Perspektiven auf die Vernichtung jüdischer Existenz |
Dieser Beitrag rekonstruiert rabbinische Deutungen der Judenfeindschaft als Reaktion auf die besondere ontologische Stellung jüdischer Existenz. Ausgehend von Elad Lapidots Kritik des „Anti-Anti-Semitismus“ und Emmanuel Lévinas’ Verständnis des Judentums als Ort des Einbruchs von Transzendenz in die Immanenz wird gezeigt, dass die rabbinische Tradition Judenfeindschaft nicht primär als Vorurteil oder soziale Projektion, sondern als Widerstand gegen die durch Israel verkörperte göttliche Weisung versteht. Anhand von Midrasch, Talmud und späteren rabbinischen Autoren wird die These entfaltet, dass Antijudaismus, Antisemitismus und verwandte Formen der Judenfeindschaft Ausdruck eines tieferliegenden Konflikts zwischen autonomer Selbstsetzung und heteronomer Bindung an den Schöpfer sind.
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| 2. Antisemitismuskritische Analysen und Reflexionen in Bildungskontexten |
Nina Kölsch-Bunzen Im Schatten des jüdisch-christlichen Dialogs |
Die antisemitismuskritische Analyse von Kinderbibeln steht im Schatten des jüdisch-christlichen Dialogs. Bereits die Seelisberger Thesen von 1947, die maßgeblich vorbereitet und mitgestaltet wurden von dem jüdischen Historiker und Verfolgten der Shoa, Jules Isaak, haben hier Maßstäbe gesetzt. Aus den Errungenschaften des jüdisch-christlichen Dialogs ergibt sich eine Bringepflicht, dieses Thema sowohl Gemeindemitgliedern als auch einer Öffentlichkeit, an die sich ja kirchliche Botschaften vielfach wenden, verständlich nahezubringen. Hier sollte insbesondere die antisemitismuskritische religiöse Bildung der Kinder in den Vordergrund gestellt werden, damit die Erkenntnisse aus dem jüdisch-christlichen Dialog möglichst früh die nächste Generation erreichen können. Hinsichtlich der Ausgestaltung aktueller Kinderbibeln ist dieser Anspruch jedoch noch keineswegs umgesetzt worden. In diesem Artikel wird der Fokus auf die Erzählungen in Kinderbibeln rund um Geburtsankündigung, Geburt und Kindheit Jesu gelegt. Gefragt wird, inwiefern die Erkenntnisse aus dem jüdisch-christlichen Dialog sich in den textlichen und bildlichen Darstellungen widerspiegeln. Dabei zeigt sich, dass aktuelle Kinderbibeln dem derzeitigen Stand des jüdisch-christlichen Dialogs nicht entsprechen.
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Ariane Dihle / Julia Hofmann Antisemitismuskritik als Querschnittsaufgabe des Religionsunterrichts. Exemplarische Perspektiven entlang der inhaltsbezogenen Kompetenzbereiche |
Der Beitrag profiliert Antisemitismuskritik als Querschnittsaufgabe des christlichen Religionsunterrichts. Ausgehend von der These, dass antisemitismuskritische Bildung nicht auf einzelne Unterrichtsinhalte beschränkt bleiben darf, wird gezeigt, inwiefern sie sämtliche inhaltsbezogene Kompetenzbereiche religiöser Bildung durchzieht. Der Artikel entwickelt hierfür ein Verständnis antisemitismuskritischen christlichen Religionsunterrichts, der antisemitische Narrative dekonstruiert, christliche Traditionen und ihre Verstrickungen in antisemitische Denkstrukturen selbstkritisch reflektiert sowie alternative Perspektiven eröffnet. Exemplarisch werden antisemitismuskritische Zugänge entlang der inhaltsbezogenen Kompetenzbereiche entfaltet: 1. Mensch und Welt; 2. Die Frage nach Gott; 3. Bibel und Tradition; 4. Jesus Christus; 5. Kirche und Gemeinde; 6. Religion in der pluralen Gesellschaft.
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Steffen Bittner Betonen, was verbindet. Die Rolle des berufsbildenden Religionsunterrichts in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus im Kontext religiöser Bildung |
Der Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen (BRU) ist aufgrund seiner spezifischen Rahmenbedingungen, seiner Klientel und seiner Didaktik in besonderer Weise positioniert, um die vielschichtigen Herausforderungen des modernen Antisemitismus an Schulen zu adressieren. Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, welche Rolle BRU in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus im Kontext religiöser Bildung einnehmen kann und soll. Dazu werden die besonderen strukturellen Bedingungen des BRU und zentrale Herausforderungen in der antisemitismuskritischen Bildung beleuchtet. Anhand neuer didaktischer und theologischer Ansätze wird aufgezeigt, wie der BRU seiner präventiven Aufgabe insbesondere durch die Betonung von Gemeinsamkeiten sowie Beziehungs- und Begegnungslernen gerecht werden kann.
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Nina Käsehage Der Umgang mit Antisemitismus und Antisemitismuskritik in der Schule am Beispiel des Projekts „Der Gobale Konflikt im Klassenzimmer (GKiK) – Antisemitismus trifft auf antimuslimischen Rassismus“ |
Dieser Beitrag skizziert zunächst die Ereignisse des 7. Oktobers 2023 und die daraus resultierenden antisemitischen Auswirkungen mit Blick auf den Untersuchungsrahmen Schule. Dabei wird eingangs der Definitionsrahmen von Antisemitismus und Antisemitismuskritik skizziert, um sowohl die Elemente und Unterschiede beider Phänomene als auch die Notwendigkeit antisemitismuskritischer Bildung für schulische (Aus-)Bildung aufzuzeigen. Mithilfe ausgewählter Forschungsergebnisse des niedersächsischen Projekts „Der Globale Konflikt im Klassenzimmer (GKiK) – Antisemitismus trifft auf antimuslimischen Rassismus“ wird anhand qualitativer Daten visualisiert, wie pädagogische Zugänge zu beiden Topoi nach dem 7. Oktober aussehen. Dabei werden exemplarisch ausgewählte Perspektiven von Lehrkräften und Lernenden thematisiert, um Chancen und Herausforderungen interreligiöser Bildungsarbeit im Bereich antisemitismuskritischer Bildungsarbeit für die Schule zu veranschaulichen. Der Beitrag wird durch religionspädagogische Handlungsempfehlungen abgerundet, wie die unterschiedlichen Formen von Antisemitismus in der Schule zukünftig im Unterricht behandelt werden könnten, um eine Ambiguitätstoleranz der Schüler:innen und deren Resilienz gegenüber Radikalisierung zu fördern, die über religiöse Diskriminierungserfahrungen geschürt wird.
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Tabea Fuchs „Also man sollte halt nicht komplett vergessen, was damals passiert ist“. Eine explorative Studie zu Schüler:innen- Diskussionen über Antisemitismus |
Schule ist ein sozialer Erfahrungsraum, in dem antisemitische Deutungen und der Umgang mit ihnen in alltäglichen schulischen Praktiken, Argumentations- und Interaktionsmustern geprägt und verhandelt werden. Auf Grundlage einer explorativen Gruppendiskussion rekonstruiert der Beitrag, wie jugendliche Schüler:innen unterschiedliche Erscheinungsformen von Judenfeindschaft einordnen und welche vorherrschenden Meinungen, Reaktionsweisen und Wissensbestände dabei zu Tage treten. Die Ergebnisse verweisen auf ein Spannungsverhältnis zwischen normativen antisemitismuskritischen Bildungsansprüchen und den für Schüler:innen relevanten schulischen Erfahrungs- und Deutungsräumen und stehen im Zusammenhang mit Befunden weiterer schulbezogener Studien.
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| 3. Die Persistenz judenfeindlicher Narrative |
Karoline Ritter Chiffren für das Böse. Simone Weils Kritik der Moderne im Kontext christlicher Judenfeindschaft |
Der Artikel untersucht Simone Weils Rückgriff auf biblische und christliche Traditionen im Kontext ihrer Kritik an Moderne, Kapitalismus und Totalitarismus. Im Zentrum steht die These, dass Weil zur Beschreibung gesellschaftlicher Krisenphänomene vereinzelt auf Motive aus der Tradition christlicher Judenfeindschaft zurückgreift. Bilder des Alten Testaments und des biblischen Israels fungieren dabei als Chiffren für die Gewalt und Unterdrückung in modernen Gesellschaften. Der Beitrag zeigt, dass Weil biblische Bilder zwar vor allem allegorisch verwendet, dabei jedoch problematische christliche antijüdische Traditionsbestände reproduziert. Vor dem Hintergrund eines gegenwärtig erstarkenden Judenhasses plädiert der Artikel für eine antisemitismuskritische Lektüre Simone Weils, die neben aller Begeisterung für ihr radikales philosophisches Denken ihre Bildsprache historisch kontextualisiert und kritisch reflektiert.
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Jonathan Hirschberger „Three learned Jews came to me (WA 53:461, 28)“. Martin Luther’s encounter with three Jews: A turning point for his theological Anti-Judaism? |
Für Martin Luthers ablehnende Haltung gegenüber dem Judentum sind verschiedene Erklärungsmodelle vorgeschlagen worden. Als Wende Luthers wurde dabei häufig eine Begegnung mit drei Juden verstanden, im Zuge derer auch über Jes 7,14 debattiert wurde. In diesem Beitrag wird der Frage nachgegangen, inwiefern diese Begegnung tatsächlich als Wendepunkt von einer positiven zu einer negativen Einstellung Luthers verstanden werden kann. Hierzu werden Luthers Berichte über das Treffen analysiert und hinsichtlich ihrer Historizität bewertet. Sodann wird aufgezeigt, dass Luthers Exegese von Jes 7,14 vor und nach der Begegnung kaum Veränderungen aufweist. Zuletzt wird anhand von Jes 7,14 und Jes 9,6 nachgewiesen, dass schriftliche Quellen wie Rabbi David Qimḥis Jesaja-Kommentar oder Porchetus’ Victoria (1520) wahrscheinlichere Kandidaten für Luthers Kenntnis über Judentum und jüdische Traditionen sind.
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| Kritisches Forum / Themen der Zeit |
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| In dieser Ausgabe gibt es keinen Beitrag zu "Kritisches Forum / Themen der Zeit" |
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| Literaturumschau |
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Vorschau auf das Heft 3–4/2026 |