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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/thq.2019.4.307-315
Karl-Josef Kuschel
Das Christentum – ein „göttlich gewolltes Geschenk an die Völker“?
Eine theologische Analyse jüdischer Erklärungen zum Christentum 2000–2017
Wir führen unser christlich-jüdisches Gespräch zwar in einem geschützten akademischen Raum, aber in einem erneut prekären gesellschaftlichen Umfeld. 2018 häuften sich Publikationen, die sich mit einem Ansteigen eines alten und neuen Antisemitismus in Deutschland befassen. Befassen müssen. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Schuster, warnt unermüdlich vor diesem schier unausrottbaren Phänomen, für das es in Deutschland heute wieder einen Nährboden gibt, ja der in manchen bürgerlichen Kreisen wieder salonfähig geworden zu sein scheint, zuletzt bei der zentralen Gedenkfeier zur Pogromnacht am 9. November 2018. Soeben erschienen ist das Themenheft 2019 der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und des Koordinierungsrates mit einem alarmierenden Titel aus gegebenem Anlass: Mensch, wo bist Du. Gemeinsam gegen Judenfeindschaft.

Damit nicht genug: Am 22. Januar 2019 veröffentlichte die Europäische Kommission eine Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte. Der zufolge haben neun von zehn Juden in Europa den Eindruck, dass der Antisemitismus in den letzten fünf Jahren zugenommen habe. Für 85 % der europäischen Juden ist der Antisemitismus das größte soziale und politische Problem in ihrem jeweiligen Heimatland. Andere besorgniserregende Zahlen belegen unter anderem, dass Antisemitismus in der ganzen EU weit verbreitet ist und sich auf das tägliche Leben auswirkt. Das betrifft vor allem das schier unvorstellbare Ausmaß von Hetze gegen Juden im Internet und in den sozialen Medien. Um nur eine Zahl zu nennen: Gut 40 % der europäischen Juden haben eine Auswanderung in Erwägung gezogen, weil sie sich in Europa nicht mehr sicher fühlen. Ein hoher Vertreter der EU-Kommission zeigt sich „zutiefst betroffen“ von den Ergebnissen der Umfrage und wird von den Agenturen mit dem Satz zitiert: „Wir müssen gegen diese Geißel energisch und gemeinsam vorgehen. Die jüdische Gemeinschaft muss sich in Europa sicher und zu Hause fühlen können. Wenn uns das nicht gelingt, ist Europa nicht mehr Europa.“

Was wir hier also im Kontext einer Universität unternehmen, ist ein Gegenzeichen. Wir betreiben keine akademische Spielerei, uns ist vielmehr die gesamtgesellschaftliche Verantwortung bewusst. Zugleich ist unübersehbar, dass in das jüdischchristliche Gespräch in den letzten beiden Jahrzehnten erfreulicherweise Bewegung gekommen ist wie kaum zuvor. Und zwar nicht nur in christlicher Theologie oder kirchlicher Gremien und Gesprächskreise, die auf katholischer seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und auf evangelischer Seite seit den Kirchentagen in den frühen sechziger Jahren gute Arbeit leisten. So gilt als epochale Erklärung das, was das genannte Konzil in seiner Erklärung Über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen (Nostra aetate) von 1965 niedergelegt hat. In dessen viertem Abschnitt äußert sich die Katholische Kirche erstmals in ihrer Geschichte mit der Lehrautorität eines Konzils selbstkritisch und theologisch konstruktiv zu ihrem Verhältnis zum Volk Israel. Ein Text, der heute – trotz erheblicher Defizite – als ‚magna charta‘ des interreligiösen Gesprächs auch mit dem Judentum bezeichnet werden kann. Das ist bekannt und vielfach in der Literatur bearbeitet. Weniger bekannt ist eine Entwicklung in den letzten beiden Jahrzehnten und damit eine doppelte Tatsache:

Erstens: Auch von jüdischer Seite hat es selbstkritische und theologisch konstruktive Vorstöße gegeben und zwar nicht nur auf der Ebene der akademischen Theologie mit Einzelpersönlichkeiten, die sich von jüdischer Seite um den Dialog verdient gemacht haben: In Deutschland zu nennen wären etwa Schalom Ben Chorin, Pinchas und Ruth Lapide, Nathan und Pnina Levinson, Paul Ludwig Ehrlich, Edna Brocke und viele andere, um nur Vertreter der älteren Generation zu nennen. Darüber hinaus hat es auch auf der Ebene offizieller Amtsträger des Judentums, bei den Rabbinerinnen und Rabbinern, entsprechende Signale gegeben, erstmals erkennbar in einer Erklärung mit dem Titel Dabru Emet (Redet Wahrheit) aus dem Jahr 2000.

Zweitens: Spiegelt das Dokument Dabru Emet vor allem die Sicht des Reformjudentums wieder, so liegt mit dem am 3. Dezember 2015 veröffentlichten Dokument Den Willen unseres Vaters im Himmel tun erstmals eine Erklärung aus dem orthodoxen Judentum vor, das – so der Untertitel – „hin“ will „zu einer Partnerschaft von Juden und Christen“. Diesem Dokument von 2015 ist allerdings von orthodoxer Seite selbst deutlich widersprochen worden und zwar durch eine Erklärung der europäischen Rabbinerkonferenz gemeinsam mit dem Rabbinischen Rat von Amerika, veröffentlicht am 1. Februar 2017. Sie trägt den Titel Zwischen Jerusalem und Rom: Die gemeinsame Welt und die respektierten Besonderheiten. Reflexionen über 50 Jahre von Nostra Aetate.

Mein Partner heute im Dialog, der Darmstädter orthodoxe Rabbiner Jehoshua Ahrens, kann über beide Dokumente authentisch Auskunft geben. Bei dem ersten orthodoxen Dokument ist er einer der Verfasser und Erstunterzeichner. Die drei genannten Erklärungen von jüdischer Seite gilt es im Folgenden theologisch auszuwerten und damit das Gespräch mit Rabbi Ahrens zu eröffnen. [...]


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