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Editorial DOI: 10.14623/thq.2019.3.181-182
Wilfried Eisele
Die leidvollen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige und Schutzbefohlene im Raum der katholischen Kirche, die nach langer Zeit des Verschweigens mehr und mehr öffentlich zur Sprache kommen, stellen nicht nur kirchliches Handeln in Frage, sondern auch die theologischen Konzepte, die dieses Handeln bisher geleitet haben und künftig leiten sollen. Wenn dieselbe Kirche, die „in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (Lumen gentium 1) zu sein beansprucht, zu einem Raum geworden ist, in dem Macht ungestraft missbraucht und den Opfern dieses Machtmissbrauchs nicht zu ihrem Recht verholfen wird, ist das Zeichen zum Hohn und das Werkzeug untauglich geworden. Eine solche Kirche braucht kein Mensch. Zugleich fällt auf, dass nicht erst die praktische Umkehr, sondern schon das notwendige Umdenken nach wie vor schwerfällt. Theologische Konzepte sind nicht unschuldig, sondern müssen sich befragen lassen, ob und wieweit sie dem Machtmissbrauch in der katholischen Kirche Vorschub leisten. Nicht selten wird die böse Tat durch ein verkehrtes Denken gerechtfertigt und entschuldigt. Theologische Überhöhungen von klerikaler Macht sind dogmatisch längst noch nicht abgeräumt und scheinen erdbebensicher in göttlichem Recht zu gründen. Wie mühsam ist es da immer noch, die Perspektive nachhaltig zu verändern: weg vom Schutz der Institution und hin zum Blick auf den geschundenen Menschen! Oder „sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern bei ihnen zögern?“ Nein, „er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen“ (Lk 18,7f.) – und das ist bleibende Verpflichtung auch der Kirche und jeder christlichen Theologie, welche die Parteinahme des biblischen Gottes für die Armen und Unterdrückten ernst nimmt.

Im Kritischen Forum des vorliegenden Heftes berichtet Thomas Buchschuster von einem Studientag an der Tübinger Katholisch-Theologischen Fakultät, der sich dieser Herausforderung stellte und damit immerhin einen Anfang machen wollte. Dem korrespondiert der Beitrag von Wilhelm Rees, der die kirchenrechtliche Seite des Umgangs mit sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche darstellt und Perspektiven der Weiterentwicklung aufzeigt. Unabhängig davon ist die Studie von Niclas Förster entstanden, die Fragen der kultischen und moralischen Reinheit in der historischen Auseinandersetzung Jesu mit der Jerusalemer Priesterschaft nachgeht. Gleichwohl werden sich manchem beim Lesen im Kontext der aktuellen Missbrauchsdebatte Assoziationen mit immer noch virulenten Vorstellungen von priesterlicher Reinheit im Zusammenhang mit der Zölibatsverpflichtung aufdrängen. Theologische Forschung und Lehre kann, auch wenn sie historisch daherkommt, ihrem aktuellen Resonanzraum nicht entfliehen und wird, gewollt oder ungewollt, darin ihre Wirkung entfalten.

Zwei weitere Beiträge in diesem Heft verdanken sich aktuellen Anlässen, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise. Michael Hauber greift in die Diskussion um die angemessene Übersetzung der Versuchungsbitte des Vaterunsers ein, die durch Papst Franziskus angestoßen wurde. Gegen die Kritik am päpstlichen Vorstoß zeigt Hauber auf, dass die von Franziskus favorisierte Übersetzung weite Teile der lateinischen Tradition für sich hat. Bernhard Holl nimmt den dreißigsten Jahrestag seit dem Erscheinen von Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ zum Anlass, um nach deren langfristiger Wirkung und Triftigkeit speziell für die Kirchengeschichtsschreibung zu fragen. Beide Aufsätze zeigen: Aktuelle Anlässe haben immer schon eine Geschichte der vorausliegenden Gedanken und Ideen. Fukuyama ist ohne Hegel nicht zu denken und Hegel nicht ohne seine Vordenker, zu denen auch Thomas von Aquin zählt. So erörtert Johannes Brachtendorf die Kritik Hegels an einer Metaphysik nach Art des Thomas und zeigt auf, inwiefern Hegels Kritik an Thomas in der Sache zu kurz greift.

Sowohl in seinen aktuellen Bezügen als auch in seinen historischen Tiefenbohrungen ist das vorliegende Heft ein Beispiel dafür, dass theologisches und philosophisches Denken nie kontextlos betrieben werden kann, sondern stets aus seinem Ort in der Geschichte auch seine spezifische Prägung und Bedeutung erhält.

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