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Aktuell zur Ausgabe 3/2021

Der Herausgeberkreis der ThQ hat mehrheitlich beschlossen, zwei angefragte Beiträge zum Frauenforum des Synodalen Weges für das Heft 3/2021 nicht aufzunehmen, nachdem der eine Beitrag von der Autorin Johanna Rahner zurückgezogen wurde. Sie sieht die gegenwärtige Diskussionslage um Frauen in durch Ordination übertragenen Ämtern als zu verfahren, als dass eine konstruktive theologische Debatte möglich wäre. Die Debatte wird darüber hinaus sehr stark personalisiert. Der Kreis der Herausgeber hat daraufhin auch den zweiten Beitrag, der von Helmut Hoping verfasst werden sollte, abgesagt. Beide Beiträge können in den Augen der Herausgeber als kontroverse Diskussionsbeiträge sinnvoller Weise nur zusammen oder eben gar nicht publiziert werden. Es wurde beschlossen, die Lücke stehen zu lassen und nicht durch Ersatzbeiträge aufzufüllen.


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Leseprobe 2
Wilfried Eisele
»Du bist der Christus« (Mt 16,16)
Das Bekenntnis von Caesarea Philippi auf dem Hintergrund der lokalen Kulte

Einleitung: Caesarea Philippi in den Evangelien

Vor einigen Jahren hat Martin Ebner die bemerkenswerte These vertreten, wonach das Markusevangelium bewusst als Gegenevangelium zum Evangelium vom Aufstieg der Flavier auf den römischen Kaiserthron verfasst worden sei. Nach dem sagenumwobenen Selbstmord des verhassten Kaisers Nero im Jahre 68 und den Wirren des folgenden Vierkaiserjahres versprach der Herrschaftsantritt Vespasians eine neue Zeit der Ruhe und Ordnung. Dagegen schreibe Markus sein Evangelium, in dessen Aufriss Caesarea Philippi einen entscheidenden Wendepunkt markiere:

»Caesarea Philippi wurde vom Herodessohn Philippus (4 v. Chr. – 34 n. Chr.) gegründet und mit einem Namen versehen, der eine politische Allianz zum Sprechen bringt: römischer Kaiser und jüdischer Kleinfürst. Im Markusevangelium wird Jesus genau an diesem Ort von Petrus als ὁ χριστός identifiziert: als jüdischer König. Allerdings nicht im Sinn eines Handlangers von Rom wie Philippus oder andere Herodessöhne, die nach hellenistischer Manier ein Diadem als Zeichen ihrer Königswürde tragen, sondern als ›Gesalbter‹ in der authentisch jüdischen Königstradition der Davididen, wobei die Salbung theologisch die Erwählung durch Gott signalisiert.«

Diesem allgemeinen Teil der These darf man ohne Weiteres zustimmen. Fragwürdig wird sie erst an der Stelle, wo sie den zeitgeschichtlichen Hintergrund der Caesarea-Philippi-Perikope allzu eng fasst:

»Das politisch höchst brisante Szenario in Caesarea Philippi entwirft Markus nur wenige Jahre, nachdem der Kriegsherr Vespasian in Palästina die endgültige Unterwerfung der Juden betrieben hat (ab 67 n. Chr.). Aus Josephus wissen wir: nach ersten erfolgreichen Vorarbeiten in Galiläa legt Vespasian eine Winterpause ein: in Caesarea Philippi. Er ist zu Gast beim römischen Klientelfürsten Antipas II. [sic! – richtig: Agrippa II.], einem Nachfolger des Philippus, um von dort aus die zweite Phase der Unterwerfung einzuleiten, den Zug in den Süden mit dem Ziel: Jerusalem. […] In dieser Situation erzählt Markus: Der wahre jüdische König Jesus zieht von Caesarea Philippi nach Jerusalem«.

An dieser Stelle muss Ebner freilich selbst eingestehen: »Ob diese Einzelheiten jedermann bekannt waren, ist fraglich.« In der Tat kann man bei den Lesern des Markusevangeliums kaum voraussetzen, dass sie über die Details von Vespasians Palästina-Feldzug Bescheid wussten. Dadurch wird Ebners These keineswegs hinfällig. Nur müssen die zeitgeschichtlichen Bezüge der Caesarea-Philippi-Episode vielfältiger gedacht und genuin religionsgeschichtliche Aspekte in die Erwägungen mit einbezogen werden. Die entscheidende Frage ist dabei: Was haben die ersten Leser der Evangelien so selbstverständlich mit der Nennung von Caesarea Philippi assoziiert wie wir z. B. den Eiffelturm mit der Stadt Paris? Auf Anhieb lassen sich solche Wahrzeichen des alten Caesarea Philippi, das heißt der heutigen Ortslage von Banias am Fuße des Hermon, erkennen. Den Spuren dieser Wahrzeichen will ich im ersten Teil meiner Ausführungen nachgehen und mich dabei vor allem auf den Münzbefund stützen. Matthäus hat auf diese zeit- und religionsgeschichtlichen Vorgaben von Banias viel deutlicher Bezug genommen als Markus. Der zweite Teil meines Beitrags soll diese Bezüge im Gesamtzusammenhang des Matthäusevangeliums aufdecken. So wird deutlich werden, dass Matthäus das Christusbekenntnis des Petrus in Caesarea Philippi bewusst dem dort betriebenen Kaiser- und Pan-Kult entgegengesetzt und dem davidischen Messias Jesus dadurch ein spezifisches Profil verliehen hat.

I. Münzen aus Banias: Zeugen der Zeit- und Religionsgeschichte

1. Der Augustus-Tempel des Herodes

Als der Herodessohn Philipp die Hauptstadt seiner Tetrarchie gründete, nannte er sie »Caesarea«, das heißt nach dem damaligen römischen Kaiser: Caesar Augustus. Damit brachte er freilich nicht nur seine eigene Verbundenheit mit Augustus zum Ausdruck, sondern er konnte an eine Lokaltradition anknüpfen, die sein Vater Herodes begründet hatte. Just an diesem Ort stand einer von drei Augustus-Tempeln, die Herodes der Große in Palästina hatte errichten lassen. Die anderen beiden waren in Caesarea Maritima und Sebaste, dem alten Samaria. Der ursprüngliche Beiname »Augustus« (»der Erhabene«) wurde gewöhnlich mit Σεβαστός übersetzt und wie jener bald als Eigenname verwendet. All dies lässt sich an einer ganzen Reihe von Münzen, die Philipp in seinem Caesarea prägen ließ, ablesen. Eine typische Münze dieser Art zeigt auf der Vorderseite Augustus mit der Inschrift Καίσαρι Σεβαστῷ (»dem Caesar bzw. Kaiser Augustus«); auf der Rückseite ist der von Herodes dem Großen erbaute Augustus-Tempel, ein einfacher Tetrastylbau mit Treppenaufgang, zu sehen. Die umlaufende Legende Φιλίππου τετράρχου (»vom Tetrarchen Philipp«) lässt keinen Zweifel daran, wo der abgebildete Tempel zu suchen ist, nämlich in Caesarea Philippi.

Dabei spielt keine Rolle, dass die genaue Lokalisierung des Tempels bis heute umstritten ist. Schon Josephus ist in seinen Ortsangaben nicht sehr genau. Aktuell stehen sich vor allem zwei Meinungen gegenüber. — 1. Nach Ma’oz stand das Augusteum direkt vor der Pan-Grotte, die gleichzeitig sein Adyton bildete, und ist hierin dem Lupercal in Rom vergleichbar. Weder das eine noch das andere ist jedoch bisher archäologisch nachgewiesen: Die beiden parallelen Mauern vor der Baniasgrotte zeigen kein spezifisches Merkmal eines Augusteums, und vom römischen Lupercal fehlt bis jetzt jede Spur. Außerdem wollte Augustus mit seinem Tempel die Wiege Roms besetzen und hatte damit eine politische Motivation, die in Banias fehlt. So bemerkt J. F. Wilson richtig: »There is no obvious connection to be made between Pan and Augustus, and so the cave at Banias carried none of the political significance associated with the one in Rome.« A. Lichtenberger vermutet die Ursprünge der Pan-Verehrung in Banias im dynastischen Herrscherkult der Ptolemäer, in dem Dionysos und mit ihm Pan eine bedeutende Rolle spielten. Mit der Platzierung des Augusteums direkt vor der Pan-Grotte setze Herodes den lokalen Herrscherkult unter anderen Vorzeichen fort. Ob der frühe Pan-Kult in Banias irgendetwas mit dem hellenistischen Herrscherkult zu tun hatte, bleibt angesichts der spärlichen archäologischen Funde jedoch mehr als fraglich. – 2. Dagegen hat J. A. Overman gute Gründe, den von ihm 4 km südwestlich von der Baniasgrotte in Omrit ausgegrabenen Tempel mit dem Augusteum zu identifizieren: »Since it resembles the Augusteum temples established throughout the empire, corresponds to the form of the temple replicated on the coin, and is prominently situated along the major trade routes in the region of Banias, the Omrit temple I is so far the best candidate for Herod’s temple built in honor of Augustus in the Hermon or northern H. ula region.« Im Blick auf die Evangelien ist dabei bemerkenswert, dass Jesus nach Mk 8,27 »in die Dörfer« (εἰς τὰς κώμας) und nach Mt 16,13 »in die Gebiete« (εἰς τὰ μέρη) von Caesarea Philippi kommt. Die Szene wird also in beiden Evangelien nicht auf den Punkt lokalisiert.

Ob man nun den Augustus-Tempel bei der Pan-Grotte oder in Omrit lokalisiert, klar ist in jedem Fall, dass das herodianische Banias von Anfang an ein herausragender Ort des Kaiserkultes und des damit verbundenen Anspruchs der Kaiser war, Herren der ganzen Welt zu sein. Doch damit nicht genug. Augustus selbst hat Tempel zu seinen Ehren nur dann akzeptiert, wenn sie gleichzeitig der Göttin Roma geweiht waren. Diese Tatsache bezeugt Josephus für Caesarea Maritima ausdrücklich:

»Und der Hafeneinfahrt gegenüber stand auf einem Hügel ein durch Schönheit und Größe ausgezeichneter Tempel des Caesar; darin befand sich eine gewaltige Bildsäule des Caesar, die ihrem Vorbild, dem Zeus in Olympia, nichts nachgab, und eine zweite der Roma, der Hera von Argos gleich.«

In Caesarea Philippi dürfte die Situation ähnlich gewesen sein. Die gemeinsame Verehrung von Roma und Augustus sollte einem ausufernden Kaiserkult wehren. In den unterworfenen und nicht selten aufständischen Gebieten Palästinas konnte diese Bescheidenheit jedoch leicht im umgekehrten Sinne verstanden werden. Demnach wurde in Caesarea Philippi nicht nur der Kaiser als Gott verehrt, sondern auch die Personifikation des römischen Weltreiches, gewissermaßen die vergöttlichte Idee Roms. Darin kommt eine weltumspannende Herrschaftsideologie zum Ausdruck, von der man nicht absehen kann, wenn man die Tragweite des Christusbekenntnisses in einem der kultischen Zentren dieser religiös-politischen Vorstellung ermessen will. Die Proklamation des davidischen Gesalbten an genau diesem Ort musste von den ersten Lesern der Evangelien als bewusste und direkte Konkurrenz zum universalen Machtanspruch der römischen Kaiser verstanden werden.

[...]


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