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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/thq.2017.3.257-275
Johanna Rahner
The Day after Tomorrow
Ökumene zwischen De- und Rekonfessionalisierung
Zusammenfassung
Differente Einheitsmodelle und die Themenverlagerung zu ethischen Fragestellungen machen heute Tendenzen einer erneuten Rekonfessionalisierung sichtbar bzw. wirbeln konfessionelle Identitäten gewaltig durcheinander, während die spätmoderne Drift einer Individualisierung und Pluralisierung religiöser Überzeugungen konfessionelle Identitäten zunehmend fraglich werden lässt. Der in der späten Moderne aufkommende Hang zur Pentekostalisierung der Konfessionen lässt indes die Frage aufkommen, ob die entscheidende konfessionelle Differenz in Zukunft nicht zwischen einer ‚aufgeklärten‘ und einer ‚fundamentalistischen‘ Variante des Christentums einzuziehen ist.

Abstract
Different models of unity and a shift of the themes towards ethical questions show a tendency towards a new re-denominationalization or at least play havoc with denominational identities. Furthermore, the late-modern drift towards the individualization and pluralization of religious beliefs makes denominational identities increasingly questionable. At the same time, the late-modern tendency towards a pentecostalization of all denominations raises the question whether in the future the key difference between different denominations could lie between an “enlightened” and a “fundamentalist” mode of Christianity.

Schlüsselwörter – Keywords

Einheitsmodelle; Ethik und Ekklesiologie; Pentekostalisierung; Europa; Vernunft und Glaube Models of unity; ethics and ecclesiology; pentecostalization; Europe; faith and reason

6. Die unaufhaltsame Binnenpluralisierung der Kirchen und das Erbe Europas

Unter Papst Franziskus ist immer wieder von der Bedeutung der Peripherie, von der notwendigen Pluralisierung, Kontextualisierung und Inkulturation des Christlichen, des Katholischen die Rede. Diese Haltung entspringt einer im Kontext Lateinamerikas gewonnenen theologischen Grundüberzeugung des uneinholbaren theologischen Eigenwerts der konkreten geschichtlichen ,Inkarnation‘ des Christentums ,vor Ort‘: Hier nimmt Papst Franziskus eine erkennbare Neuakzentuierung vor, die der Vielfalt mehr Raum zu geben scheint und daher auch keine Angst vor einer Binnenpluralisierung des Katholischen an den Tag legt. Synodalität lautet das eine Zauberwort und Kontextualität bzw. Inkulturation das andere. Doch Franziskus belässt es nicht nur bei einer Dynamisierung des Strukturellen; der intendierte Wandel geht tiefer. „Es würde der Logik der Inkarnation nicht gerecht, an ein monokulturelles und eintöniges Christentum zu denken“ (EG Nr. 117). Erst die Vielfalt verhilft dazu, „die verschiedenen Aspekte des unerschöpflichen Reichtums des Evangeliums besser zu zeigen und zu entwickeln. […] Denken wir daran: ‚die Ausdrucksform der Wahrheit kann vielgestaltig sein. Und die Erneuerung der Ausdrucksformen erweist sich als notwendig, um die Botschaft vom Evangelium in ihrer unwandelbaren Bedeutung an den heutigen Menschen weiterzugeben‘“ (ebd. Nr. 40). Daher gilt: „Selbstverständlich ist in der Kirche eine Einheit der Lehre und der Praxis notwendig; das ist aber kein Hindernis dafür, dass verschiedene Interpretationen einiger Aspekte der Lehre oder einiger Schlussfolgerungen, die aus ihr gezogen werden, weiterbestehen. […] Außerdem können in jedem Land oder jeder Region besser inkulturierte Lösungen gesucht werden, welche die örtlichen Traditionen und Herausforderungen berücksichtigen. Denn die Kulturen [sind] untereinander sehr verschieden, und jeder allgemeine Grundsatz […] muss inkulturiert werden, wenn er beachtet und angewendet werden soll“. Die Veränderungen, die damit verbunden sind, sind dramatisch.

Die Einheitsgestalt der katholischen Kirche wankt, die katholische Einheitsidentität schwindet. Die Anerkenntnis und Fruchtbarmachung der eigenen, konfessionsinternen Spielräume des Katholischen widersteht nicht nur einer allzu schlichten dichotomen Identitätsbestimmung, sie dynamisiert zugleich die konfessionelle Identität des Katholischen selbst. Denn eine so konturierte Identität des Katholischen steht nicht einfach schon für immer fest, sondern sie verflüssigt sich. Das Katholische selbst wird als Inklusion von Vielfalt und nicht als monotone Exklusivität zu bestimmen sein. ‚Regionalisierung‘ wird zum neuen Grundzug katholischer Identität. Ein im konfessionellen Zeitalter forcierter Abschied von einer Binnendifferenzierung des Katholischen hatte lange Zeit Pluralität zum Kennzeichen des ‚Fremden‘, Nicht-Katholischen stilisiert. Nun entdeckt die Catholica in ihren eigenen ‚Mauern‘ den lange vermissten Plural in der Einheit der einen Kirche jenseits der Einheitskirche wieder. Sollte hier jene alte Vision Joseph Ratzingers langsam neu Konturen gewinnen, in der er 1969 von der Möglichkeit verschiedenster lokal oder durch ihre konfessionelle Herkunft unterschiedenen Ecclesiae (‚Patriarchate‘ oder ‚Großkirchen‘) in der einen Ecclesia sprach, die gerade auch die Eigenheiten letztlich nicht aufhebt, sondern beibehält, sie aber unter der (einzigen?) Prämisse einer ‚Einheit mit dem Papst‘ als Einheit in Vielfalt toleriert? Die aufgeklärte katholische Europäerin indes verspürt angesichts dieses katholischen ,Lobs der Vielfalt‘ zunehmend eine gewisse Skepsis. In seinem Interview vor dem Besuch in Schweden sprach Papst Franziskus auch davon, dass, um die Ökumene heute voranzutragen, die Christen „ihren Enthusiasmus verlegen“ müssen. Der theologische Dialog sei zwar bedeutsam, wichtiger aber sei es, gemeinsam zu beten und gemeinsam Werke der Barmherzigkeit zu tun. „Etwas gemeinsam zu tun, ist eine hohe und wirksame Form des Dialogs“. Wer indes wie Franziskus gleichfalls davon spricht, dass wir uns „nicht in strengen Perspektiven einschließen [dürfen], denn dann besteht keine Möglichkeit für Reformen“, und wer, wie er, diese Reformen nachhaltig einfordert, der wird sie auch begründen müssen. Ohne Theologie bzw. ohne das bessere theologische Argument wird das nicht gehen, will man das Ganze nicht nur zu einer Frage des Geschmacks (oder der Macht) machen.

Daher darf offen gefragt werden: Muss die ganz eigene Leistung unserer europäischen Kirchen und ihrer Theologien, also jene alte Logozentrik europäischer Religiosität, die eben nicht nur Innerlichkeit/Verinnerlichung – Reform im Sinne Taylors – und damit Individualisierung und Pluralisierung beinhaltet, sondern auch das alte christliche Ideal der Vereinbarkeit von Vernunft und Glaube und den Standard einer dialogbereiten, offenen und ihre Wissenschaftlichkeit wie ihre Freiheit bewusst wahrnehmenden und in diesem Sinne ,aufgeklärten‘ und ,aufklärenden‘ Theologie (in all ihren Disziplinen!) einfordert, um ihre Zukunft in der katholischen Kirche bangen? Oder ist sie in ihrer ursprünglichen Nützlichkeit für den christlichen Glauben, die Kirchen und damit die Ökumene so zentral, dass sie auch in einer sich pluralisierenden, multiperspektivischen, katholisch pluralen wie ökumenisch vielfältigen Konfessions-Landschaft gewahrt bleiben muss und weder als Eurozentrismus noch als Kolonialismus, noch als offensichtlich unfruchtbar für den Glauben denunziert werden darf?

Nur als aufgeklärte, ,zweisprachige‘ Grenzgängerin zwischen Kirche und Gesellschaft, zwischen Glaube und Wissenschaft erweist sich Theologie als geeignetes, womöglich einziges Instrument religiöser Ideologiekritik – gegen die Ansprüche einer Politik, Ökonomie, Kultur und Glaube verwechselnden Religiosität fundamentalistischen Stils und gegenüber einer politisch oder kulturell imprägnierten Mentalität mit pseudoreligiösen oder gar metaphysischen Ansprüchen, die am Ende jede Transzendenz kategorisch ausschließt. Wer daher glaubt, innerhalb der eigenen Konfession oder in Sachen Ökumene auf diese Funktion verzichten zu können, riskiert am Ende die Identität des Christlichen. [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.

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