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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/thq.2017.3.220-234
Volker Leppin
Ringen um Einheit
Strategien der Verständigung bei Erasmus und Melanchthon
Zusammenfassung
Anhand der Confessio Augustana und des Traktats De sarcienda ecclesiae concordia von Erasmus von Rotterdam lassen sich Strategien der Verständigung in der Reformationszeit beobachten. Zwar sind beide Schriften unterschiedlich – die CA ein reichspolitisch relevanter Gemeinschaftstext, De sarcienda concordia ein echter Autortext von Erasmus, aber sie hängen zeitlich und inhaltlich so eng zusammen, dass sie nachvollziehen lassen, wie sich Melanchthon und Erasmus Wege zur Einheit vorstellen. Zentral ist dabei für beide die Prioritätensetzung. Für Melanchthon erfolgt diese anhand der Zweiteilung der CA in Lehre und Gebräuche, für Erasmus durch die Unterscheidung von Sache und Worten. Ein Teil der Verständigung beruht allerdings auch auf dem Verschweigen und Dissimulieren von Differenzen. Wichtiger aber scheint für die Verständigung die Schaffung eines externen Referenzrahmens: Schrift und Kirchenväter sind, mit unterschiedlichem Gewicht, für beide die Autoritäten, auf die sie sich stützen und von denen sie Einigung erhoffen. Die Auseinandersetzung mit diesen Modellen mag auch dazu helfen, das CA-Jubiläum 2030 als wahrhaft ökumenische Feier zu begehen.

Abstract
This essay takes the Augsburg Confession and Erasmus’ tract De sarcienda ecclesiae concordia as examples for strategies of conciliation in the Reformation era. Both texts are quite different regarding the authorship, as the Augsburg Confession is a collective text of political impact, while De sarcienda Concordia is a pure Erasmian text. Nevertheless, they are connected in time and thoughts, so they might be compared with a focus on the strategy of reconciliation. Both seek to find priorities in the conflict: While Melanchthon finds them in distinguishing doctrine and practice, Erasmus discerns words and items. Both tend to conceal harsh differences or to dissimulate them. And both look for external references to support their arguments, which they both find in Holy Scripture and the Church Fathers. Even if the relation of these authorities is different in both texts, they may lead to a more ecumenical understanding while preparing for the jubilee of the Augsburg Confession in 2030.

Schlüsselwörter – Keywords

Melanchthon; Erasmus; Confessio Augustana; Ökumene. Melanchthon; Erasmus; Confessio Augustana; Ecumenism

Die Ökumenische Bewegung im strengen Sinne ist ein Produkt des vergangenen Jahrhunderts. Dennoch ist der Versuch der Überwindung der Kirchenspaltung schon deutlich älter: Eine erste große Welle der Bemühungen hat Christopher Spehr in der Aufklärungszeit nachgezeichnet. Anliegen des folgenden Aufsatzes ist es, an Grundmuster des Verstehens zu erinnern, die schon die Reformationszeit hervorgebracht hat und die in dem von Edmund Schlink vorgetragenen Sinne als „Bemühungen um die kirchliche Einheit“ als ökumenisch einzuordnen sind. Dies ist weder neu noch unbekannt – insbesondere das Jubiläum der Confessio Augustana 1980 hat daran erinnert, dass dieser Grundlagentext des Luthertums selbst ein Text fundamentaler Einigungsbemühung ist. Das macht auch im Blick darauf optimistisch, dass das nächste große Reformationsjubiläum eben 2030 zum Gedenken an die Confessio Augustana stattfinden wird – und der Boden für eine ökumenische Annäherung ja bereits im Jubiläumsjahr 2017 in erstaunlicher Weise bereitet wurde. So legt es sich nahe, unter den vielfältigen Bemühungen um Erhalt der kirchlichen Einheit im Folgenden die Confessio Augustana in den Blick zu nehmen. Zeitlich damit verbunden ist der Vorschlag De sarcienda ecclesiae concordia, den Erasmus von Rotterdam 1534 vorgelegt hat. Daher soll dieser als zweiter Text in den Mittelpunkt gerückt werden.

Damit ist natürlich der Bogen möglicher Ausgleichsbemühungen im 16. Jahrhundert bei weitem nicht abgeschritten. Insbesondere die Religionsgespräche, die auf Anregung Kaiser Karls V. in den frühen vierziger Jahren auf Reichsebene anberaumt wurden, bieten formal wie inhaltlich reichen Stoff – formal, weil sie als Gesprächsforum unterhalb der gesamtkonziliaren Ebene und in Reichskontext eine eigene Zugangsweise zu Ausgleichsverhandlungen eröffneten, die man durchaus prima facie als aussichtsreich betrachten kann. Inhaltlich, weil sie, insbesondere durch das Bemühen von Johannes Gropper und Martin Bucer, bis zur Abfassung einer gemeinsamen Rechtfertigungslehre vordringen. Die Lehre von einer doppelten Rechtfertigung allerdings konnte wie das gesamte aus dem Bemühen hervorgegangene „Regensburger Buch“ keine allgemeine Akzeptanz gewinnen. Neben dieser späten Phase wäre als Beispiel ganz frühen Bemühens um Verstehen der anderen Seite der wenig bekannte, gleichwohl hoch interessante Bischof von Chiemsee Berthold Pürstinger zu nennen, dessen „Tewtsche Theologey“ den redlichen Versuch zeigt, katholische Reform im Gespräch mit der reformatorischen Bewegung zu entfalten. Diese Beispiele mögen den weiten Horizont andeuten, den man eröffnet, wenn man nach Ausgleichsbemühungen im 16. Jahrhundert fragt. Die Konzentration auf Confessio Augustana und Erasmus im Folgenden ist also eine bewusste Auswahl, der vor allem die wirkungsgeschichtliche Bedeutung der Confessio Augustana zugrunde liegt, mit welcher sich der Entwurf des Erasmus jedenfalls kontextuell in Verbindung setzt: Das Augsburger Bekenntnis ist zur bestimmenden Bekenntnisschrift des Luthertums geworden – und dass diese letztlich im ökumenischen Horizont geschehen ist, mag im beginnenden 21. Jahrhundert als besonders hilfreich wahrgenommen werden.

1. CA und „De sarcienda ecclesiae concordia“: Kontexte

Bei aller Nähe untereinander ist zu bedenken, dass mit der Confessio Augustana und Erasmus’ Programmschrift De sarcienda ecclesiae concordia zwei sehr unterschiedliche Texte in den Blick genommen werden. Der erste, markante Unterschied liegt darin, dass es zwar durchaus Gründe gibt, die Confessio Augustana primär auf Philip Melanchthon als Autor zu beziehen, es sich aber der Form und Geltung8 nach um einen Gemeinschaftstext der unterzeichnenden Reichsstände handelt, was sich nicht zuletzt darin zeigt, dass der Text auf die Aussagen der Theologen Sachsens und der anderen Unterzeichner immer wieder in der dritten Person rekurriert: „docent“. Das ist auch deswegen nicht ohne Belang, weil Melanchthon, als er an diesem Text arbeitete, darum wusste, dass er einen Entwurf für eben eine solche Reichstagsvorlage erstellte, und es seine Aufgabe sein musste, zum Teil divergierende Ansichten in einen gemeinsamen Text zu bringen. Es ist hier nicht der Ort, die komplexe Entstehungsgeschichte der Confessio Augustana zu rekonstruieren. Doch sei so viel in Erinnerung gerufen: Grundlage für den ersten, lehrhaften Teil der Confessio Augustana waren die Schwabacher Artikel, die vermutlich im September 1529 von Sachsen und Brandenburg-Ansbach aufgrund einer Vorlage Luthers und Melanchthons beschlossen worden waren, für den zweiten Teil die von einer Autorengruppe im März 1530 erstellten Torgauer Artikel, deren genaue Fassung bis heute unklar ist. Melanchthon ist mit diesen Vorlagen zwar frei umgegangen, hatte aber in ihnen eben doch schon gewisse Richtungsbestimmungen, an denen er selbst wiederum durchaus mitgewirkt hatte. Bei den abschließenden Arbeiten in Augsburg hat er dann so viele unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen gehabt, dass etwa beim Rechtfertigungsartikel die kurz vor Verlesung der Confessio Augustana erstellte Abschrift Spalatins und die „als eine Handschrift mit hoher Nähe zum überreichten Text“ geltende Marburger Handschrift ganz erheblich voneinander abweichen und wiederum die Druckfassung der Confessio Augustana von 1531 einen deutlich anderen Text repräsentiert – der wiederum, auch dies ein Teil der komplizierten Gemengelage, nach deutscher und lateinischer Fassung nicht unerheblich variiert. Allein an einem solchen Beispiel mag man ersehen, dass Melanchthon nicht nur als Autor, sondern auch bis zu einem gewissen Grade als Redaktor der Confessio Augustana gelten kann. Nimmt man freilich die Aufgaben eines Redaktors ernst, so lässt sich auch an den darin vollzogenen Arbeitsschritten das ablesen, wonach hier gefragt werden soll: die Strategie der Verständigung, denn auch der Redaktor hat ja dieser Aufgabe zu folgen und sie sinnvoll und akzeptationsfähig durchzuführen. [...]


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