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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/thq.2017.2.107-132
Holger Gzella
Von der Kanzlei- zur Kultursprache
Die Anfänge der aramäischen Weltliteratur
1. Das Problem der älteren aramäischen Literatur

In größerem Umfang wird aramäisches Schrifttum, das den Bedürfnissen des Alltags wie Recht, Verwaltung und brieflichen Anweisungen enthoben ist und somit in einem traditionellen Sinne als Literatur gelten kann, erst in der Spätantike greifbar. Etwa im vierten Jahrhundert n. Chr. konsolidierten sich die religiösen Überlieferungen verschiedener Glaubensgemeinschaften im oströmischen und im sassanidischen Reich als umfangreiche Textkorpora, die in den jeweiligen Gruppen bis heute als maßgeblich gelten: die der Juden und Christen hüben wie drüben; in Palästina auch die der seit hellenistischer Zeit vom Judentum abgespaltenen Samaritaner und in Babylonien die der Mandäer, Anhänger einer – vereinfachend gesagt – gnostischen Erlösungslehre. Doch selbst diese neu entstandenen west- und ostaramäischen Traditionsliteraturen sind vorwiegend einmal auslegungstechnischer oder enzyklopädischer Art und enthalten hauptsächlich in Schrift geronnenes Fachwissen, zum anderen für den Gebrauch in der Liturgie bestimmt. Teile davon, wie besonders die syrische religiöse Dichtung, durch Ephräm (ca. 306–373 n. Chr.) zu einem später kaum mehr erreichten Ausdrucksreichtum geführt, bezeugen allerdings einen übergreifenden künstlerischen Willen. Sie genügen damit durchaus Kriterien, die regelmäßig zur Abgrenzung von Literatur und Sachtexten bemüht werden, etwa stilistische Vorbildlichkeit, interpretatorische Offenheit und ästhetischer Eigenwert.

Solche Schöpfungen konnten freilich nicht in einem luftleeren Raum entstehen, sondern ihnen ging eine über tausendjährige Geschichte des Aramäischen als Schriftsprache voraus. Erst in den vielen Jahrhunderten seit dem Beginn der aramäischen Textüberlieferung um 850 v. Chr. haben zahlreiche Begriffe schrittweise ihre vielschichtige, nach Verwendungskontexten differenzierte Bedeutung erhalten, wurden Redewendungen geprägt und feste Gattungen geschaffen. Nur wenn man das in dieser langen Zeit gewachsene Obertonspektrum hört, wird die Lektüre aramäischer Texte wahrhaft sinnlich. Gleichwohl haben aus dem ersten Jahrtausend v. Chr. nicht mehr als eine Handvoll Schriften überdauert, die durch eine erzählende, reflektierende oder hymnisch preisende Zielsetzung primäre Sachzwecke transzendierten, Klassizität beanspruchten und daher als überlieferungswürdig galten.

Hierzu gehören natürlich in erster Linie die aramäischen Kapitel des um die Mitte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. abgeschlossenen Danielbuches. Als Teil des biblischen Kanons haben sie in den verschiedenen Künsten eine kaum zu überschauende Wirkungsgeschichte entfaltet: Belschazzars Gastmahl inspirierte nicht nur eines der bekanntesten Gemälde Rembrandts und eine Ballade Heines, die seit jeher im Deutschunterricht ihren angestammten Platz behauptet, sondern auch beispielsweise Bühnenmusik von Jean Sibelius, und Ausdrücke wie „Koloss auf tönernen Füßen“, „Menetekel“ oder „Löwengrube“ sind darüber hinaus in den umgangssprachlichen Wortschatz eingegangen. Unter den aramäischen Fragmenten aus Qumran befinden sich ebenfalls apokalyptische Deutungen der Weltgeschichte, die denen des Danielbuches in Form und Inhalt nahestehen, sich wohl teils auch, wie die qumranischen Daniel-Fragmente vermuten lassen, direkt vom ihm anregen ließen. Sogar feinere Kriterien der Zugehörigkeit zur Literatur wie Intertextualität oder Kommentierungswürdigkeit sind hier eindeutig erfüllt.

Das ist aber noch nicht der Anfang der aramäischen belles-lettres, und die Exegese der tief in der aramäischen Schrifttradition verwurzelten aramäischen Bücher der Bibel erfordert eine genaue Kenntnis ihres kulturgeschichtlichen Hintergrundes, wie er sich in erster Linie in der Sprache selbst abzeichnet. Aus dem fünften Jahrhundert v. Chr. stammt ein im ägyptischen Elephantine gefundener Papyrus mit der romanhaft ausgestalteten Geschichte von Fall und Rehabilitierung des weisen Ratgebers Achiqar, eines hohen assyrischen Beamten. Sie wurde verbunden mit einer älteren, wohl zunächst unabhängigen und erst sekundär diesem Achiqar zugeschriebenen, dem biblischen Sprüchebuch nicht unähnlichen Sammlung weisheitlicher Maximen. Dazu gibt es ein paar weitere Erzähltexte, die aber zu bruchstückhaft, zu schwierig zu lesen oder im Moment einfach zu umstritten sind, um sichere Urteile über ihren literarischen Charakter zu erlauben. Und sogar noch früher, um 800 v. Chr., wurde eine zumindest dem grammatischen Kern nach aramäische Unheilsprophezeiung, die zum Sagenkreis um den aus dem Buch Numeri bekannten Seher Balaam gehört, in Deir Alla in Transjordanien auf eine Wand geschrieben. Aus allen linguistisch unterscheidbaren Perioden des älteren Aramäisch (dem älteren und jüngeren Altaramäisch bis 500 v. Chr., dem achämenidischen Reichsaramäisch des fünften und vierten Jahrhunderts v. Chr. und dem nachachämenidischen Reichsaramäisch der hellenistisch-römischen Zeit) gibt es also immerhin Spuren literarischer Produktion. Trotzdem fehlt in Überblicksdarstellungen altorientalischer Literatur – nicht ganz zu Unrecht – normalerweise ein Kapitel über das Aramäische.

Die weite Streuung solcher Zufallsfunde nach Zeit, Ort und Gattung sowie ihre reife sprachliche Form lassen indes vermuten, dass es sich dabei nur um vereinzelte Überreste einer reichen Literaturtradition handelt. Was man darüber hinaus noch alles vergänglichem Schreibmaterial wie Papyrus oder Leder anvertraut haben mag, die nur unter extremen klimatischen Bedingungen wie in der Wüste über Jahrtausende dem Verfall trotzen konnten, ist nicht mehr abzusehen. Die bekannten Quellen erlauben aber sehr wohl Aufschlüsse über die sozial- und kulturgeschichtlichen Voraussetzungen der aramäischen Literatur. Sie ist, wie sich zeigen wird, aus dem Kanzleiwesen hervorgegangen, und eine angemessene Berücksichtigung von dessen Erbe kann selbst auf gründlich erforschte Texte wie die aramäischen Teile Daniels ein neues Licht werfen. [...]


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